Lust am Handball ist zurück - Trainer Khalid Khan litt unter einem psychischen Erschöpfungssyndrom - Handball - Handball-M Zweite Liga - Artikel - Handballwoche
Lust am Handball ist zurück

Trainer Khalid Khan litt unter einem psychischen Erschöpfungssyndrom

Nein, mit "Endstation Sehnsucht", dem Drama von Tennessee Williams, dessen Verfilmung Marlon Brando weltberühmt machte, hat das gemütliche Café Sehnsucht in Köln-Ehrenfeld nichts gemein. Hier trinkt Kaffeeliebhaber Khalid Khan gerne mal ein Tässchen seiner Lieblingsmarke. Höchstens die Lederjacke erinnert an den jungen Brando, als der Wahl-Kölner schwungvoll den Raum betritt. Im vergangenen Herbst sah das noch ganz anders aus. Als Trainer des TV Großwallstadt war er an einem Punkt angekommen, wo es nicht mehr weiter ging. Intensive medizinische Untersuchungen Ende Oktober hatten ergeben, dass der 47-Jährige unter einem psychischen Erschöpfungssyndrom litt und für unbestimmte Zeit nicht in der Lage sein würde, seine Tätigkeit als Trainer auszuüben. Vier Monate nach dem Rückzug spricht Khan über die schwierige Zeit.

%_helveticafett_%Herr Khan, wie geht es Ihnen derzeit?%__helveticafett_% Khalid Khan: Danke, es geht mir deutlich besser. Sowohl körperlich als auch auf der Ebene meines Seelenlebens bin ich auf einem guten Weg.

%_helveticafett_%Wann haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?%__helveticafett_% Das war relativ früh im Laufe der Vorbereitung. Es fing an mit körperlichen Symptomen. Ich habe mich häufig krank gefühlt. Obwohl ich total müde war, konnte ich ganz schlecht schlafen. Hinzu kam eine unglaubliche Unzufriedenheit mit mir selber.

%_helveticafett_%Wie hat sich die gezeigt?%__helveticafett_% Ich konnte keine Freude mehr an der täglichen Arbeit entwickeln. Das war sonst anders und lag auch nicht an den Spielern. Freunde und Bekannte, die mich länger nicht gesehen hatten, haben mich bei Vorbereitungsturnieren darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht gut aussah. Mir selber war das bis dahin nicht so bewusst. Als ich aber dann zweimal daheim umgekippt bin, war klar, dass etwas passieren muss.

%_helveticafett_%Wo haben Sie sich Hilfe geholt, mit wem haben Sie sich ausgetauscht?%__helveticafett_% Zum Glück habe ich mich dem Psychologen Lothar Linz, der mich seit 2005 begleitet, einen Fachmann an meiner Seite gehabt. Das war glaube ich auch der Grund, warum ich so schnell aus der Misere heraus gekommen bin. Ein ganz wichtiger Vertrauter war auch immer Andy Kunz (Mannschaftsverantwortlicher TVG, Anm. d. Red.), der mir sehr viel geholfen und mich da auch sehr unterstützt hat. So konnte ich mit dieser Unterstützung eine schnelle Entscheidung treffen, auch weil Lothar mir deutlich gemacht hat, dass ich dringend eine Auszeit brauche.

%_helveticafett_%Wie ging es dann weiter?%__helveticafett_% Ich habe dann rasch einen Arzt aufgesucht. Recht schnell war klar, dass es keine organische Geschichte war. Hinzu kam, dass ich mich auch nicht optimal ernährt habe. Das hat die ganze Geschichte mit forciert. Es ist ja mittlerweile auch erwiesen, dass so etwas da rein spielt. Es hat dann insgesamt eine Dynamik angenommen, wo eins zum anderen gekommen ist.

%_helveticafett_%Wie hat der Verein reagiert?%__helveticafett_% Alle Verantwortlichen in Großwallstadt haben sich von Anfang bis Ende mehr als fair und kooperativ verhalten, wofür ich auch sehr dankbar bin. Ich habe bis heute ein gutes Verhältnis zu den Verantwortlichen beim TVG, was mir auch sehr wichtig ist. Es tut mir unglaublich Leid für den Verein, dass wir den Neustart, für den ich ja auch mitverantwortlich war, nicht gemeinsam weiter gehen konnten. Das war auch für mich eine unfassbare Enttäuschung. Wichtig dabei war mir, dass ich die Krankheit intern und extern offen kommuniziert habe. Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts davon halte, so etwas unter der Decke zu halten, sondern offen und direkt die Dinge beim Namen nenne.

%_helveticafett_%Welche Maßnahmen wurden nach den Untersuchungen eingeleitet?%__helveticafett_% Ich wollte es ohne Medikamente versuchen. Ich habe mich daraufhin in therapeutische Behandlung begeben, natürlich immer begleitet von medizinischen Untersuchungen. Das wichtigste war aber, einen kompletten Abstand zu bekommen. Ich habe noch nie in meinem Leben mit etwas so gecuttet.

%_helveticafett_%Wie hat man sich diesen Cut vorzustellen?%__helveticafett_% Als ich wieder zurück in Köln war, habe ich zwei Monate kein Handballspiel gesehen, nicht ins Internet geschaut, habe keine HANDBALLWOCHE gelesen und auch kein TV-Spiel eingeschaltet. Ich habe auch bewusst Treffen mit Leuten aus der Handballszene gemieden. Wenn doch, dann habe ich Wert auf andere Themen gelegt. Ich habe auf gute Ernährung Wert gelegt, wollte zur Ruhe kommen, sehr viel geschlafen und bin viel Spazieren gegangen. Es ist dabei deutlich geworden, dass es auch noch andere Dinge gibt, die das Leben ausmachen…

%_helveticafett_%Also, dass es auch ein Leben neben dem Handball gibt…%__helveticafett_% ...das habe ich auch schon vorher gehabt, aber es hat eine andere, einen anderen Stellenwert bekommen. Und ich habe natürlich tolle Freunde gehabt in dieser Zeit, das war auch ganz wichtig. Was ich weiß ist, dass diese Krankheit nicht erst in Großwallstadt entstanden ist, sondern schon mindestens zwei Jahre in mir steckte. Es ist etwas, was vorher nicht richtig zum Ausbruch gekommen ist, sondern mich regelrecht ausgehöhlt hat. Aber zum jetzigen Zeitpunkt kann wirklich sagen, dass ich seit Anfang des Jahres eine für mich sensationelle Verbesserung spüre. Es geht deutlich bergauf. Wenn es weiter so läuft, freue ich mich darauf, im Sommer wieder arbeiten zu könne. Es fehlt nicht mehr viel...

%_helveticafett_%Also kribbelt es langsam wieder?%__helveticafett_% Ja, ich habe die EM in Dänemark im Fernsehen verfolgt. Das war das erste Mal, dass ich wieder Lust auf Handball hatte.

%_helveticafett_%Würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus Kollegen Ratschläge geben?%__helveticafett_% Was mich zunächst mal besonders gefreut hat, ist die positive Resonanz von vielen Spielern und Kollegen. Da habe ich einige gute Gespräche gehabt, auch mit Kollegen, zu denen ich lange keinen Kontakt hatte. Aber Ratschläge gebe ich nicht.

%_helveticafett_%Was könnte die nähere Zukunft bringen?%__helveticafett_% Bereits Ende 2013 gab es erste Anfragen. Es zeichnet sich etwas Konkretes ab. Es besteht die "große Gefahr", dass ich bald wieder als Trainer auflaufe (lacht!).