DKB Handball-Bundesliga

Witte lehnt eine Liga-Reduzierung ab

Als Präsident der DKB Handball-Bundesliga vertritt Reiner Witte die Interessen aller Erst- und Zweitligaclubs und deren Spieler. Und gerade deshalb treibt ihm die aktuelle Entwicklung die Sorgenfalten in die Stirn. Zu viele Termine, zu viele Großveranstaltungen: Der Handball und seine Spieler geraten an die Grenze des Machbaren. Nach Ende des ersten Saisonabschnittes stand Reiner Witte für ein ausführliches Interview zur Verfügung

Herr Witte, die Liga macht Pause bis Anfang Februar. Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach 19 Spieltagen aus? Reiner Witte: Sehr positiv. Die Spitze der DKB Handball-Bundesliga ist näher zusammengerückt. Wir erleben einen spannenden Kampf um die Meisterschaft. Die Rhein-Neckar Löwen haben die Tabellenführung zurückerobert. Es hat viel Freude bereitet, das Team aus Mannheim trotz eines deutlich geringeren Etats geschlossen und motiviert wie nie aufspielen zu sehen. Bis dato haben sie eine klasse Serie gespielt. Lediglich beim Gipfeltreffen gegen den THW Kiel sind die Löwen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auch der Kampf um die Europacupplätze ist spannend wie nie. Teams wie die TSV Hannover-Burgdorf, wie MT Melsungen und die HSG Wetzlar tauchen plötzlich im oberen Tabellendrittel auf und fordern die etablierten Spitzenteams heraus. Der THW Kiel hat dies bei der überraschenden Heimniederlage gegen MT Melsungen schmerzlich erfahren. Ich bin gespannt, welche Teams, die derzeit oben mitmischen, nach der WM-Pause den Level hoch halten können.

Auch auf internationalem Terrain machen die teilnehmenden Bundesligisten einen gewohnt guten Eindruck…
Reiner Witte:
Stimmt. Unsere Clubs präsentieren sich in Europa wieder einmal sehr stark. Der THW Kiel hat sich in der Vorrunde der Champions League ein wenig schwerer getan. Dafür ist der HSV Hamburg sehr gut gestartet, auch wenn sich die starke internationale Leistung der Hanseaten derzeit in der Liga nicht abbildet. Die SG Flensburg-Handewitt ist trotz größerer Verletzungssorgen national und international hervorragend. Das zeigt auch der gestrige klare Bundesliga-Sieg gegen den THW Kiel. Auch die Füchse Berlin geben eine sehr gute Vorstellung ab. Insgesamt stelle ich fest, dass die deutschen Clubs in Europa auch in der laufenden Saison eine herausragende Rolle inne haben. Dies wird übrigens zu wenig in der öffentlichen Wahrnehmung berücksichtigt.

Wie ist das zu verstehen?
Betrachten Sie beispielsweise den Medienrummel um die sieben Fußballclubs, denen es gelungen ist, in die K.o.-Runde der europäischen Wettbewerbe vorzustoßen. Sicher, das ist bis hierhin eine sehr gute Gesamtleistung des deutschen Fußballs. Ich drücke der Deutschen Fußball Liga fest die Daumen, dass am Ende mindestens ein internationaler Titel herausspringt. Der DKB Handball-Bundesliga ist es in der vergangenen Saison wieder einmal gelungen, alle internationalen Titel nach Deutschland zu holen. Eine im deutschen Sport herausragende und wahrlich nicht alltägliche Leistung. Das verdient eine stärkere Berücksichtigung – auch in der Presseberichterstattung.

Die Liga macht nun Pause, jetzt ist die Nationalmannschaft am Zug. Trauen Sie der Mannschaft von Martin Heuberger beim WM-Turnier in Spanien eine gute Platzierung zu?
Der Druck auf Mannschaft, Bundestrainer und Verband ist groß. Zuletzt konnte die deutsche Nationalmannschaft die Erwartungen bei Welt- und Europameisterschaften leider nicht erfüllen. Zudem haben Martin Heuberger und seine Spieler mit Frankreich, Argentinien, Tunesien, Montenegro und Brasilien eine schwere Vorrundengruppe. Verletzungen und Absagen machen dem Bundestrainer das Leben zusätzlich schwer. Allerdings lebt die DHB-Auswahl von einer extrem guten Mannschaftsphilosophie, so dass ich darauf vertraue, dass sie uns positiv überraschen wird. Wir alle sind aber gut beraten, nicht zu viel einzufordern.

Nicht jede Absage kann der Bundestrainer nachvollziehen…
Hier müssen wir sicher von Fall zu Fall beurteilen. Grundsätzlich ist es zu verstehen und zu akzeptieren, wenn ein Spieler verletzungsbedingt absagt. Angeschlagen kann er der Mannschaft nicht weiterhelfen, denn die Belastungen, denen ein Spieler bei einer Weltmeisterschaft ausgesetzt ist, sind enorm. Darüber hinaus ist es für Spieler und Klubs existenziell wichtig, dass Verletzungen behandelt und auskuriert werden können. Es ist richtig, dass sich die Absagen von Spielern gehäuft haben, die der deutsche Handball bei internationalen Großveranstaltungen nur schwerlich auffangen kann. Martin Heuberger hat alles versucht, um einzelnen Akteuren eine WM-Teilnahme möglich und schmackhaft zu machen. Das ist leider nicht immer gelungen. Fest steht, dass Heuberger mit den Spielern, mit denen er aktuell arbeitet, zahlreiche Titel im Juniorenbereich gewonnen hat. Man muss Martin Heuberger eine Chance einräumen. Ich stehe hinter ihm.

Kann es sein, dass der Stellenwert der Nationalmannschaft tendenziell sinkt?
Wir reisen mit einem starken Team nach Spanien, das sich bewusst ist, die Eliteauswahl seiner Sportart zu sein. Allerdings müssen wir uns die Frage stellen, welchen Stellenwert das Nationalteam für uns hat. Die Berufung in die Nationalmannschaft ist für jeden Sportler eine besondere Auszeichnung. Sie birgt die Chance, sich individuell zu verwirklichen, ist gleichzeitig aber auch Verpflichtung, vorbildliche Leistungen für Team und Sportart zu erbringen. Ich bin der festen Überzeugung, dass DHB, Liga, Clubs und Spieler sich die Beine dafür ausreißen müssen, dass unsere Nationalmannschaft in Rang und Wahrnehmung wieder ganz vorne rangiert. Hier erwarte ich von Leistungsträgern, dass sie Verantwortung übernehmen. Das WM-Team kann im Januar in Spanien einen wichtigen Beitrag leisten.

Bei den Lehrgängen der deutschen Nationalmannschaft fehlten Spieler, weil sie Verpflichtungen in der Bundesliga hatten. Ist das die versprochene Hilfe der HBL?
Wir unterstützen, wo wir können. Mit sehr viel Mühe haben wir die Spieltage über Weihnachten zu Gunsten der Nationalmannschaft leer geräumt. Das ist genau der Zeitraum, in dem unsere Hallen pickepacke voll wären. Dieses Zugeständnis bedeutet für uns einen spürbaren finanziellen Verlust, den wir allerdings im Sinne der Sache gerne wegstecken. Mehr geht kaum. Beklagen muss man sich bei den internationalen Terminplanern, nicht bei uns.

Sollte nicht jeder vor der eigenen Haustür kehren?
Der Terminwahn ist die Wurzel des Übels und wird nun mal verursacht durch die internationalen Verbände. Dadurch sind insbesondere die Clubs überlastet, die dem nationalen und dem internationalen Spielplan gerecht werden müssen. Im Vergleich zu allen anderen Profisportarten ist die Anzahl der großen Turniere, die Spieler und Clubs im Handball extrem belasten, einzigartig. Zwei Europameisterschaften, zwei Weltmeisterschaften und dann noch Olympische Sommerspiele! Das ganze Wahnsinnsprogramm innerhalb von vier Jahren. Um dem ganzen Terminwahn die Krone aufzusetzen, planen die Verbände jetzt noch europäische Olympische Spiele. Das wäre dann die sechste Großveranstaltung innerhalb eines olympischen Zyklus. Völlig inakzeptabel.

Was ist denn mit der immer mal wieder diskutierten Reduzierung der Liga?
Die Überlegungen sind ja nicht neu. Fest steht: Die Handball-Bundesliga spielt seit rund 20 Jahren grundsätzlich mit 18 Teams und 34 Spieltagen. Eine Reduzierung der Anzahl der Mannschaften würde insbesondere die Teams treffen, die nicht für Europapokalwettbewerbe qualifiziert sind. Diese Clubs finanzieren sich zu einem nicht unerheblichen Teil über die Zuschauereinnahmen. Zwei Heimspiele weniger bedeuten deutlich geringere Einnahmen. Überlastet sind doch vor allem die Clubs, die sowohl dem nationalen als auch dem internationalen Spielplan gerecht werden müssen. Ich fürchte, wenn wir mit der Reduzierung, beispielsweise auf 16 Teams, Spieltermine freimachen, werden die internationalen Verbände diese sofort neu besetzen. EHF und IHF schaffen mehr, statt weniger Termine. Das unterstreicht auch die aktuelle Entwicklung.

Wie kann der Kalender denn entzerrt werden?
Wir treten in diesem Punkt seit Jahren auf der Stelle. Es gibt zu viele unterschiedliche Interessen. In den Verbänden, in denen es keine oder eine nicht gut entwickelte Liga gibt, wollen die wenigen Top-Clubs verständlicherweise Spiele auf europäischer und internationaler Ebene. Die DKB Handball-Bundesliga hingegen ist eine intakte, attraktive und wettbewerbsfähige nationale Liga. Alle Seiten wissen, dass Handlungsbedarf besteht, keiner will den ersten Schritt machen. Diese Blockade wirkt sich negativ auf die Gesamtdarstellung unseres Sports aus. Ganz klar, der Hebel zur Veränderung liegt nicht in unserer Hand.

Im nächsten Jahr wird beim DHB ein neues Präsidium gewählt. Wird eine neue Verbandsspitze mehr Einfluss auf internationalem Parkett haben?
Das ist nicht nur personenabhängig, sondern dafür bedarf es vor allem Zeit. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass wir auf nationaler Ebene ausreichend Hausaufgaben haben. Beim DHB muss sich vieles fundamental ändern. Strukturen müssen professionalisiert, das Hauptamt weiter gestärkt werden. Hier kann die Wahl der richtigen Personen einiges bewirken. Nach wie vor gibt es auch Optimierungsbedarf im Austausch zwischen Liga und Verband. Zwar sind wir im Gespräch, der Dialog muss aber weiter verbessert werden. Wir müssen Fakten, wie beispielsweise den demographischen Wandel, stärker berücksichtigen. Hier ist das Thema Sport in Schulen, insbesondere Integration und Sport, von besonderer Bedeutung. Beim DHB und den Landesverbänden müssen diese Themen nachhaltiger umgesetzt werden. Es ist jetzt an der Zeit, wichtige Weichen zu stellen. Dies gilt sowohl für die nationale, als auch für die internationale Ebene. Ich appelliere an alle Beteiligten – egal, ob hauptamtlich oder im Ehrenamt – sich auf die Sachdiskussionen zu konzentrieren und den Fokus auf die positive Weiterentwicklung des Handballsports zu legen.

Herr Witte, liegt Ihnen im Rückblick etwas besonders am Herzen?
In diesen Tagen hat sich wieder einmal gezeigt, wie stark der Zusammenhalt unserer Handballfamilie sein kann. Arnulf Meffle, unser Weltmeister von 1978, ist an Leukämie erkrankt. Er benötigt eine Stammzelltransplantation. Für diese wird ein Spender gesucht. Um das zu unterstützen, haben wir mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei die Initiative „Handballer für Handballer“ an den Start gebracht. Unsere Bilanz: 3.124 Typisierungen, davon 1.479 bei Spielen der 1. Liga. Auf dem Spendenkonto sind bislang über 20.000 Euro eingegangen. Ein beeindruckendes Ergebnis, dass Arnulf Meffle hoffentlich hilft. Ganz sicher macht ihm der Schulterschluss Mut.