THW Kiel - HBW Balingen-Weilstetten - Exklusiv-Interview mit Balingens Trainer Dr. Rolf Brack - 15:38 im Hinterkopf - sieben Spieler auf dem Feld - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Exklusiv-Interview mit Balingens Trainer Dr. Rolf Brack

15:38 im Hinterkopf - sieben Spieler auf dem Feld

Nach dem Sensationssieg gegen den THW Kiel nahm sich Dr. Rolf Brack, der Trainer des HBW Balingen-Weilstetten, Zeit für ein ausführliches Gespräch - nicht nur - über den Triumph gegen den Rekordmeister.

Herr Dr. Brack, frohe Weihnachten wünsche ich – beschert hat Sie ja bereits Ihre Mannschaft beim Sieg gegen Kiel.
Dr. Rolf Brack: „Danke, ja. Das war die größte Sensation in meinen 25 Jahren als Trainer in der Bundesliga.“

Zumal die Voraussetzungen eigentlich gar nicht so günstig waren.
„Stimmt, die Vorzeichen waren sogar denkbar ungünstig. Immerhin sechs Spieler haben bei uns gefehlt, bzw. sind angeschlagen ins Spiel gegangen – und so toll ist unser Kader ja eh nicht besetzt. Ich hatte vorher eher so etwas wie ein 15:38 im Hinterkopf und habe befürchtet, dass unser bisher gutes Torverhältnis gegen Kiel und in Hamburg ziemlich heftig kaputtgemacht wird. Wir wollten eigentlich nicht so viel an Boden verlieren, um dann im letzten Spiel des Jahres gegen Hannover angreifen zu können und mit ein bisschen Glück erfolgreich zu sein.“

Was haben Sie Ihren Spielern denn vorher und während des Spiels gesagt?
“In der Vorbesprechung habe ich darauf hingewiesen, dass die Kieler am Sonntag (gegen Hamburg) ein super-schweres und super-intensives Spiel gehabt haben. Dass die Spieler da eine enorme Belastung und Anspannung gehabt haben, weil ja auch der TW da nur mit einem kleinen Kader gespielt hat. Außerdem habe ich auf das Wurfverhalten der Hamburger hingewiesen, betont, dass es eben durchaus möglich ist, Omeyer zu entzaubern bei konzentriertem Abschluss. Wir wussten, dass wir eigentlich keine Chancen hatten, aber die wollten wir gnadenlos nutzen.“

Und Ihre Rechnung ging ja fast schon erschreckend gut auf.
“Zur Halbzeit habe ich gesagt, es ist noch alles möglich, wenn wir so konzentriert weiter kämpfen. Ich habe bewusst, alle 12 Mann eingesetzt, habe nach 15 Minuten meinen Innenblock als Block gewechselt, habe mit Wagesreiter in der Mitte gespielt, wollte alle Möglichkeiten nutzen, um die Kieler müde zu machen und zu Fehlern zu zwingen. So haben wir 15 Kontertore gemacht, okay: die Kieler sogar 16, aber wir haben nur 3 Fehler beim Gegenstoß gemacht, beim THW waren’s 7, 8. Das war so abgesprochen, dass wir auch nach einem schnellen Tor sofort weiter Tempo machen und so sind uns einige einfache Tore gelungen, wir haben sie letztlich mit ihren eigenen Waffen geschlagen.“

Und als spielerische und auch psychologische Waffe kam dann auch wieder der siebte Feldspieler.
“Ja, ich musste etwas machen, um den Einbruch abzufangen. Als der THW unsere Vier-Tore-Führung wettgemacht hat, beim 33:33, musste ich doch reagieren auf die Negativphase. Ich musste doch zeigen, dass wir den Vorsprung nicht einfach tatenlos herschenken, dass wir unbedingt gewinnen wollen. Dazu kam, dass Felix Lobedank kurz gedeckt wurde, Philipp Müller war nach seiner grandiosen ersten Halbzeit platt, da musste ich eben auf andere Impulse setzen. Und dafür ist der siebte Feldspieler gut. In dieser Phase hat auch Müller sein einziges Tor nach der Pause geworfen. Wir spielen da mittlerweile einige Varianten, so wie man im normalen Überzahlspiel verschiedene Varianten draufhat, sind wir auch da mittlerweile flexibel. Eigentlich könnte man das auch ohne besondere Situationen dauernd mit sieben Feldspieler durchziehen, das ist aber von der psychologischen Situation her nicht immer zu empfehlen. Es könnte auch als das Signal verstanden werden: Ihr schafft’s nicht sechs-gegen-sechs. Zudem ist es für die Torwart-Leistung ein Problem, wenn er ständig rein- und rausrennen muss. Zudem besteht natürlich immer die Gefahr einfacher Gegentore bei technischen Fehlern. Aber gegen Kiel haben wir uns keine erlaubt, so hat’s funktioniert.“

Und am Ende wurde Felix Lobedank zur entscheidenden Figur.
„Ja, dass Lobedank am Ende zum Matchwinner wird, sich zweimal sensationell gegen die Manndeckung durchsetzt, war natürlich Klasse. Vor allem, da es das erste Mal war, dass er wieder richtig fit ist, er hat sich ja wochenlang mit einer Wadenverletzung rumgeschlagen.“

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews: Brack über die Glückwünshe aus ganz Europa, seine Zukunft und was hätte sein können.