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EM 2018 in Kroatien

Anruf in der Nacht: Handballer holen Abwehrboss Lemke zurück

er Anruf von Handball-Bundestrainer Christian Prokop erreichte Finn Lemke mitten in der Nacht auf Fuerteventura.

Lemke weilte mit der MT Melsungen bereits zur Bundesliga-Vorbereitung auf der spanischen Insel, weil der Bundestrainer ihn für die EM in Kroatien zuvor überraschend nicht nominiert hatte - aber jetzt braucht er ihn doch. «Ich möchte der Abwehr noch mehr Körperlichkeit geben», begründete Prokop die unerwartet frühe Rückholaktion. Wenige Stunden später begann für Lemke eine vergleichsweise lange Reise: Von Fuerteventura sollte es über Wien nach Zagreb gehen, am Abend wurde er im Teamhotel erwartet.

Mit der plötzlichen Wende des Bundestrainers war nicht zu rechnen. Dass er Lemke nicht von Beginn an in seinen 16er-Kader für die EM berufen und stattdessen auf den unerfahrenen Bastian Roscheck gesetzt hatte, hatte im Vorfeld des Turniers für große Diskussionen gesorgt. Das äußerst glückliche 25:25 gegen Slowenien am Montagabend bewegte Prokop nun zum Umdenken. Die Abwehr des Titelverteidigers wackelte bedenklich, der 2,10 Meter große Lemke soll sie im abschließenden Gruppenspiel gegen Mazedonien am Mittwoch (18.15 Uhr) nun stabilisieren. Der bisher schwache Roscheck rutscht dafür nun erst mal aus dem EM-Aufgebot.

«Wir brauchen jetzt einfach ein bisschen mehr Routine, etwas mehr Abgezocktheit», sagt Torhüter Andreas Wolff. «Da hat Finn aufgrund seiner Erfahrungen in den letzten Jahren einfach ein ganz anderes Standing in der Mannschaft.» Nicht nur beim sensationellen EM-Sieg in Polen Anfang 2016 war Lemke ein Schlüsselspieler der überragenden DHB-Defensive. Internationale Topstars haben spätestens seitdem großen Respekt vor dem Abwehrhünen. Mazedoniens Ausnahmekönner Kiril Lazarov habe vor dem Duell am Mittwoch wohl schon «schwitzige Hände», sagt Ex-Nationalspieler Dominik Klein, der gemeinsam mit Lazarov beim französischen Topclub HBC Nantes spielt, am Dienstag.

«Mit Finn Lemke kommt der nicht zurecht. Das ist die Personalie, die ihm nicht schmecken wird.» Die Ausstrahlung und Präsenz von Lemke soll nun nicht nur Lazarov stoppen, sondern der DHB-Auswahl zum wichtigen Sieg im abschließenden Gruppenspiel verhelfen. Nur dann würde der Titelverteidiger mit einer ordentlichen Punkteausbeute in die Hauptrunde einziehen und gute Chancen auf das Halbfinale haben.

Zum einen ehrt es Prokop, dass er angesichts der zuletzt wackeligen Defensive so früh wieder auf den zunächst von ihm verschmähten Abwehrchef setzt. Zum anderen gibt er damit früh das von ihm anfangs immer wieder verteidigte Konzept einer beweglicheren Abwehr auf und reagiert zügig auf die offenbar falsche Nominierung von Roscheck.

Noch in der Nacht nach dem Slowenien-Spiel habe er sich im Hotel mit den Videobildern des Spiels auseinandergesetzt und sei anschließend zu dem Entschluss gekommen. Dann folgte der Anruf bei Lemke, um 2 Uhr am frühen Dienstagmorgen. «Man muss sagen, dass er Eier hat, seine Entscheidung zu revidieren», sagte Torhüter Wolff. Und auch Kapitän Uwe Gensheimer bestätigte die positive Reaktion der Mannschaft auf Prokops überraschende Maßnahme. «Mit Finn sind wir nochmal ein Stück variabler», sagte der bisher beste Torschütze der DHB-Auswahl.