THW Kiel - HSV Hamburg - Die exklusive HW-Analyse vor dem Bundesliga-Gipfel - Das Spiel der Spiele – Goliath gegen Goliath - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Die exklusive HW-Analyse vor dem Bundesliga-Gipfel

Das Spiel der Spiele – Goliath gegen Goliath

 

Es ist angerichtet für das „Spiel der Spiele“ in der Bundesliga: HSV Hamburg gegen THW Kiel garantiert absolute Spannung, eine seit Monaten mit 13.296 Zuschauern ausverkaufte o2-Arena in der Hansestadt – und aller Voraussicht nach die Entscheidung im spannendsten Titelrennen der vergangenen Jahre. Am Samstag um 16.30 Uhr pfeifen die Schiedsrichter-Zwillinge Methe/Methe die Partie an. Laut einer Umfrage unter den 16 Konkurrenten des norddeutschen Spitzen-Duos glauben 14 Manager beziehungsweise Trainer an einen Titelgewinn des HSV. Nur zwei gehen von einer Titelverteidigung der Schleswig-Holsteiner aus. Bezogen auf den Ausgang des Spiels tippen zehn der 16 Club- Verantwortlichen auf einen HSV-Sieg, zwei auf den THW und vier rechnen mit einem Remis.

 

Die Ausgangslage:

31 Spieltag sind in der Bundesliga absolviert, und schon seit Monaten steht fest, dass der Titelkampf ein reiner Zweikampf zwischen dem HSV und dem THW ist. Die Verfolger – wie Flensburg, die Löwen, Göppingen oder Lemgo – mussten schnell einsehen, dass sie allesamt keine Chance gegen die beiden Nord-Clubs haben. Ein Punkt trennt die beiden Rivalen vor dem Gipfeltreffen – der HSV führt die Tabelle mit 57:5 Zählern vor dem THW (56:6 Punkte) an. Und alle gehen davon aus, dass am Samstag kurz nach 18 Uhr feststeht, wer Deutscher Meister wird. Die Konstellation ist einfach: Gewinnt Hamburg den Nordschlager, beträgt der Vorsprung drei Punkte, der HSV könnte den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte schon am vorletzten Spieltag zu Hause gegen Hannover-Burgdorf perfekt machen. Endet das „Spiel der Spiele“ remis (wie schon das Hinspiel), hätten die Hamburger weiterhin die besseren Karten und einen Punkt Vorsprung – die Titelentscheidung würde allerdings erst am letzten Spieltag (5. Juni) fallen. Gewinnt der THW, hätte der Rekordmeister erstmals nach dem 23. Dezember die Tabellenführung wieder inne, läge einen Zähler vor dem HSV, der dann auf einen Kieler Ausrutscher an den beiden letzten Spieltagen hoffen müsste. Sind HSV und THW nach dem letzten Spieltag punktgleich, entscheidet  - wie vor zwei Jahren in der gleichen Konstellation – die Tordifferenz. Da ist Kiel (+254) im Vergleich zu Hamburg (+196) derzeit klar im Vorteil.

 

Die Saison:

Schon seit Saisonbeginn marschieren beide Mannschaften in der Liga im Gleichschritt. Doch schon vor dem offiziellen Saisonstart setzten die Hamburger ein Zeichen und manifestierten ihren Anspruch auf die nationale Nummer eins: Beim Super-Cup in Nürnberg siegte der HSV deutlich mit 35:28 (15:11) gegen den THW. Bis zum sechsten Liga-Spieltag gewannen beide Konkurrenten alle ihre Spiele, ehe der THW als erster Federn ließ und zu Hause über ein 27:27 gegen Lemgo nicht hinaus kam. Zwei Spieltage später erwischte es auch den HSV mit der 35:36-Niederlage in Göppingen, der THW war wieder Tabellenführer. In einer hochklassigen, dramatischen Partie (siehe unten) teilten beide Rivalen im direkten Duell in Kiel beim 29:29 am 20. Dezember 2009 die Punkte. Und dann folgte der fatale Ausrutscher des THW: Beim Abstiegskandidaten Balingen setzte es drei Tage nach dem Gipfel eine sensationelle 37:39-Niederlage. Seit diesem Tag steht der HSV an der Spitze, obwohl die Hamburger am 2. März die bislang einzige Heim-Niederlage in der Liga (31:39 gegen Gummersbach) kassierten. Durch das 30:32 in Lemgo verspielten die Kieler allerdings die bessere Ausgangslage nur zwölf Tag später. Seitdem haben HSV und THW alle Liga-Spiele gewonnen. Und die Hamburger setzten sich im Lufthansa-Final-Four erneut die Pokalkrone auf – auch weil der THW überraschend im Viertelfinale in Gummersbach gescheitert war. International kamen hingegen die Kieler weiter, stehen im Halbfinale des EHF FINAL4 in Köln gegen Ciudad Real – exakt den Gegner, gegen den die Hamburger im Viertelfinale ausschieden.

 

Die Kader:

Klares Plus für die Hamburger, bei denen Trainer Martin Schwalb „alle Mann an Bord“ vermelden kann – inklusive des aktuellen HBL-Top-Torschützen Hans Lindberg (240 Treffer). Bei den Kieler hingen fehlt Linkshänder Kim Andersson definitiv, die beiden erfolgreichsten Torschützen Filip Jicha (173 Treffer, Wadenzerrung) und Momir Illic (170, Überdehnung des Kreuzbands) sind angeschlagen. Während THW-Trainer Alfred Gislasson sagt, „bei Illic sieht es nicht gut aus“, kontert HSV-Coach Schwalb: „Bis auf Andersson werden bei Kiel alle auflaufen.“ Aber trotz der Personalsituation sagt Gislason: „Meine verbliebenen Jungs werden das schon schaffen, da habe ich ein großes Vertrauen. Wir haben uns super gut vorbereitet und werden selbstbewusst auftreten.“

 

Das Restprogramm:

Nach dem Gipfeltreffen trifft der THW Kiel zu Hause auf Balingen, muss am letzten Spieltag  zum TV  Großwallstadt, der nicht nur heimstark ist, sondern auch noch um einen Europapokalplatz kämpft. Von der Papierform hat es der HSV leichter: Nach dem Heimspiel gegen Hannover-Burgdorf folgt das Auswärtsspiel in Balingen – aber Achtung: die Schwaben haben bekanntlich schon dem THW ein Bein gestellt.

 

Das Hinspiel:

Das Spitzenspiel hatte alles gehalten, was es versprach: Kampf, Spannung, herrliche Tore, Super-Stimmung – aber keinen Sieger. 29:29 hieß es am Ende, nachdem die Hamburger in der Sparkassen-Arena zur Pause noch 17:16 geführt hatten. Bester Torschütze war Momir Illic mit neun Toren. Nach 20 Minuten stand es 12:8 für den HSV, kurze Zeit später 17:13, doch die Kieler verkürzten sukzessive den Abstand und gingen beim 19:18 erstmals in Führung, bauten diesen Vorsprung auf 22:19 aus. Aber nach dem 24:24 egalisierten sich beide Teams – am Ende stand ein gerechtes Remis – auch weil HSV-Torwart Bitter einen direkten Freiwurf nach der Schluss-Sirene von Filip Jicha parierte.

 

Die bisherige Bilanz:

Nimmt man nur die aktuelle Saison, führt der HSV mit 3:1 Punkten – nach dem Supercup-Erfolg und dem Remis in Kiel. In der Liga standen sich beide Mannschaften bislang 15 Mal gegenüber, Kiel gewann neun Duelle, Hamburg zwei, vier Mal gab es Remis. In der Vorsaison gewann der THW durch einen Siebenmetertreffer von Jicha in letzter Sekunde mit 34:33 in Hamburg.

 

Das sagen die Verantwortlichen:

Die sportlichen Leiter beider Clubs  - Christian Fitzek (HSV) und Uli Derad (THW) - äußerten sich im Vorfeld des Gipfeltreffens:

Warum gewinnt Ihr Team das Spitzenspiel?

Christian Fitzek: Weil wir dran sind. Wir haben in Hamburg über einen langen Zeitraum intensiv gearbeitet, wir haben Strukturen geschaffen und sind längst ein großer Verein. Diesmal wird es gelingen.
Uli Derad: Die Frage kann ich so nicht beantworten. Wir konzentrieren uns voll auf dieses Match, werden entsprechend gut vorbereitet sein und wollen gewinnen. Was aber noch wichtiger ist: Das Spiel ist für den Handball insgesamt einfach eine Riesensache.

Wer ist Favorit?


Christian Fitzek: Es gibt keinen Favoriten. In diesem Match kämpft Goliath gegen Goliath. Unabhängig von den Personalien, die dieses Spiel begleiten, werden sich beide Teams auf gleicher Augenhöhe begegnen. Letztlich wird entscheiden, wer den besseren Keeper hat, wer weniger Fehler macht, wer seine Chancen besser nutzt und wer in der entscheidenden Phase so ab der 50. Minute mehr drauf hat.
Uli Derad: Das sehe ich ähnlich. Wenn das Spiel beginnt, ist ohnehin alles Spekulation und Makulatur. Ob Favorit oder nicht: Wir wollen gewinnen und richtig viel Spaß haben. Das ist einfach eine tolle Konstellation für alle Beteiligten. Zudem hoffen wir, dass Momir Ilic bis zum Samstag seine Verletzung überwunden hat und uns helfen kann.

 

Wird der Sieger dieses Spiels auch Deutscher Meister?

Uli Derad: Bei der gegenwärtigen Konstellation ist dieses Match zumindest vorentscheidend. Es gibt danach noch zwei weitere Spiele für uns und den HSV, die auch erst einmal gewonnen werden müssen. Aber der Sieger dieses Spiels hat einen großen Vorteil.

Christian Fitzek: Das sehe ich auch so. Aber wenn wir das Match gegen Kiel gewinnen, haben wir drei Punkte Vorsprung und könnten uns sogar noch eine Niederlage erlauben. Bei allem Respekt vor Burgdorf und Balingen: Das ließen wir uns nicht nehmen.

 

HSV-Präsident und Hauptsponsor Andreas Rudolph sagt: „Diese Begegnung hat keine überhöhte Bedeutung für den Verein, sondern nur eine rein sportliche. Wir wollen Meister werden. Wir stehen 70 Prozent dieser Bundesligasaison an der Tabellenspitze, jetzt müssen wir die Chance, die sich uns bietet, auch nutzen. Alles andere wäre eine große Enttäuschung. Schließlich ist es nicht abzusehen, wann wir wieder eine ähnliche Möglichkeit erhalten werden. Die Meisterschaft in der besten Handball-Liga der Welt ist der höchste Titel, den wir erringen können. Ich würde ihn noch über den Gewinn der Champions League stellen, weil er einen größeren sportlichen Wert hat.“

 

THW-Trainer Alfred Gislasson: „Ich glaube nicht, dass es irgendeine Abwehr, ein Torwart oder Feldspieler sein wird, die die Partie entscheiden. Vielmehr dürfte die Breite der Bank, die Kondition der Spieler und die Fähigkeit, mit Druck umgehen zu können, den Ausschlag für den späteren Sieger geben. Wir haben oft genug bewiesen, dass wir Druck vertragen. Aber auch Hamburg besitzt eine erfahrene Mannschaft.“