HSG Wetzlar - Björn Seipp (Geschäftsführer HSG Wetzlar) im Interview - "Den Wohlfühlcharakter erhöhen" - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Björn Seipp (Geschäftsführer HSG Wetzlar) im Interview

"Den Wohlfühlcharakter erhöhen"

Bei der HSG Wetzlar passiert was. In sportlicher Hinsicht hat das Team von Trainer Gennadij Chalepo und Co-Trainer Jochen Beppler mit einer beeindruckenden Erfolgsserie den Klassenverbleib so gut wie perfekt gemacht. Mit 22 Zählern aus 27 Spielen besteht die Abstiegsgefahr gegenwärtig nur noch theoretisch. Darüber hinaus ist es der HSG gelungen, mit ungewöhnlichen Aktionen, neue Zuschauer zu generieren, neue Partner zu gewinnen und viele Menschen in der Region näher an die HSG zu bringen. In einem ausführlichen Interview erzählt Wetzlars Geschäftsführer Björn Seipp, warum die HSG dem Heimspiel gegen den THW Kiel (Anwurf 19.00 Uhr) am Samstag entspannt entgegenblicken kann.

> Tolle Serie, die die HSG Wetzlar in den vergangenen Wochen hingelegt hat. Nach zuletzt 11:7 Punkten sollte der Abstieg kein Thema mehr sein.
Björn Seipp: "Ich denke, dass wir aus dem Gröbsten raus sind und der Klassenverbleib eigentlich geschafft sein sollte. Deshalb hat sich unsere Mannschaft jetzt, mit Blick auf die ausstehenden Ligaspiele, ein neues Ziel gesetzt. Spieler und Trainer wollen die 28 Punkte-Marke knacken."

> Wo liegen die Gründe für einen verhältnismäßig verkorksten Saisonbeginn und den darauf folgenden Aufschwung?
"Sicherlich war der Saisonstart alles andere als optimal, was aber auch dem Spielplan geschuldet war, denn wir mussten zunächst gegen Topteams wie Flensburg, Rhein-Neckar-Löwen und Gummersbach ran. Trotz zum Teil knapper und unglücklicher Niederlagen stand am Ende nichts Zählbares auf dem Konto. Nach dem Trainerwechsel im Oktober ist die Mannschaft dann jedoch noch enger zusammengerückt und hat im Training eine Schippe drauf gelegt, vor allem in der Winterpause. Die sportlichen Früchte können wir derzeit ernten."

> Erläutern Sie doch bitte noch einmal die Hintergründe des Trainerwechsels.
"Der Wunsch von Michael Roth, vorzeitig nach Melsungen wechseln zu wollen, kam damals auch für die Verantwortlichen unseres Vereins sehr überraschend. Letztlich hat der Aufsichtsrat diesem entsprochen, auch weil die HSG Wetzlar in der glücklichen Situation war, mit Gennadij Chalepo und Jochen Beppler zwei Fachleute in der Hinterhand zu haben, die kurzfristig einspringen konnten. Wir sind sehr froh, dass beide so toll eingeschlagen haben und aus der Übergangs- mittlerweile eine Dauerlösung geworden ist. Gennadij Chalepo ist ein absoluter Handball-Experte, erreicht die Spieler und entwickelt sie kontinuierlich weiter - sowohl körperlich als auch taktisch. Er und Co-Trainer Jochen Beppler bringen zudem das regionale Herzblut mit, das für unseren Verein und das Umfeld extrem wichtig ist. Deshalb stand es auch außer Frage, dass wir ihre Verträge frühzeitig verlängern."

> Parallel zum sportlichen Aufschwung kommt nun offenbar auch das Umfeld des Klubs richtig in Bewegung. Auf der Suche nach neuen Partnern veranstaltete die HSG jüngst zum Heimspiel gegen die HSG Ahlen-Hamm einen ,Tag der Industrie´. Was hat es denn damit auf sich?
"Diese Aktion war nicht die erste. Wir haben zuvor auch schon mit dem ‚Tag des Handwerks’ und dem ‚Tag der Sportvereine’ eine tolle Resonanz erzielt. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, neue Partner zu finden, sondern vielmehr liegt es in unserem Interesse, die vielen sportbegeisterten Menschen in Mittelhessen näher an die HSG Wetzlar heran zu bringen - ihnen zu attraktiven Eintrittspreisen unsere tolle Sportart und die stärkste Handball-Liga der Welt zu präsentieren."

> Und wie war die Resonanz?
"Sehr beachtlich. Zahlreiche Firmen und Vereine haben diese Angebote für ihre Mitarbeiter und Mitglieder gerne angenommen, schließlich sind unsere Heimspiele in der schmucken RITTAL Arena nicht nur ein sportliches, sondern auch ein gesellschaftliches Highlight in der Region. Allein beim Heimspiel gegen Balingen konnten wir seit langem erstmals wieder über 4000 Zuschauer begrüßen. Das Heimspiel gegen den THW Kiel am Wochenende ist annähernd ausverkauft."

> Gibt es schon weitere Ergebnisse?
"Wir haben nach den Spielen viel positives Feedback bekommen, auch von der Kreishandwerkerschaft, dem Sportkreis Wetzlar und der heimischen IHK, die von uns die Gelegenheit bekamen, sich rund ums Spiel im Foyer der RITTAL Arena zu präsentieren. Zudem konnten wir, auch mit Hilfe dieser Aktionen, unseren Zuschauerschnitt ordentlich erhöhen und die Stimmung in der Arena deutlich steigern. Natürlich haben wir so letztlich auch Kontakte zu neuen Unternehmen in der Region geknüpft, die erfreulicherweise ihr Interesse an einem Engagement bei der HSG Wetzlar geäußert haben."

> Das war aber nicht die erste Aktion dieser Art.
"Wie gesagt, es ist eines der Konzepte von Aufsichtsrat und Geschäftsführung, die Heimspiele unseres Vereins besser zu vermarkten und den Wohlfühlcharakter zu erhöhen. Dazu tragen auch die so genannten ‚After-Game-Partys’ bei, die wir seit Jahresbeginn gemeinsam mit dem Betreiber der RITTAL Arena durchführen. Solche Events sollen dazu beitragen, die Vorfreude auf unsere Heimspiele weiter zu steigern und einen neuen ‚talk about’ in und um Wetzlar zu schaffen. Bislang ist uns das geglückt."

> Welche Philosophie steckt dahinter?
"Eine ganz einfache! Es ist unser Bestreben, allen, die sich für die HSG Wetzlar interessieren oder sich finanziell engagieren, Mehrwerte zu schaffen. Dazu gehört auch, das so genannte ‚Networking’ unter den über 130 Partnerunternehmen nachhaltig zu fördern - auch außerhalb der Arena. In diesem Bezug sind wir sehr aktiv und versuchen durch ständigen Kontakt mit den Sponsoren, deren Ansprüche bestmöglich zu verwirklichen beziehungsweise neue Ideen umzusetzen. Ich denke, in der heutigen Zeit reicht es vielen Unternehmern nicht mehr aus, dass sich ausschließelich deren Werbebande dreht oder sie Gäste zu den Heimspielen einladen können. Die Partner wollen sich vernetzen, um gegebenenfalls untereinander Geschäfte zu generieren - die Plattform dazu muss unser Verein bieten."

> Im Gegensatz zu den großen Clubs der Liga wie Kiel, HSV oder die Rhein-Neckar Löwen sind die Möglichkeiten der HSG Wetzlar nicht ganz so üppig. Wo soll der Weg auf Sicht hingehen?
"Nach einer turbulenten und schwierigen Zeit liegt Fokus von Aufsichtsrat und Geschäftsführung zunächst darauf, die HSG Wetzlar mit unternehmerischem Denken und Handeln in wirtschaftlich ruhiges Fahrwasser zu lenken. Daneben wollen wir den Zuschauerschnitt und das Interesse an unserem Verein sukzessive steigern. Dafür ist sportlicher Erfolg unabdingbar. Sieht man die Mannschaft in ihrer jetzigen Aufstellung und beachtet man dabei, dass fast alle Spieler auch in der kommenden Saison Verträge haben und wir das Team unter anderem mit dem österreichischen Nationaltorhüter Nikola Marinovic verstärken, sollte es auch in der kommenden Saison machbar sein, den Klassenerhalt frühzeitig perfekt zu machen. Langfristig gesehen ist es natürlich unser Anspruch, den einen oder anderen Platz in der Tabelle nach oben zu klettern. Aber: Gut Ding will Weile haben."