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Suche nach den Hintermännern

DHB-Schiedsrichter-Chef Rauchfuß kritisiert Urteil gegen Lemme/Ullrich

Während die EHF in zwei weiteren Manipulationsfällen Entscheidungen verkündete, kritisiert DHB-Schiedsrichterchef Peter Rauchfuß die "unangemessene Strafe" gegen Frank Lemme und Bernd Ullrich. Die Magdeburger waren von der EHF international für fünf Jahre gesperrt worden, weil sie einen Bestechungsversuch sowie den Fund von 50.000 US-Dollar in der Tasche Ullrichs am Flughafen Moskau nach dem Europapokalfinale Chechov - Valladolid im Jahr 2006 nicht gemeldet hatten.

Am Montag (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) tagten sowohl der geschäftsführende DHB-Vorstand als auch der DHB-Schiedsrichterausschuss. Man beriet, ob man Lemme/Ullrich bei einem Einspruch gegen die EHF-Entscheidung unterstützen sollte. Schon vor der Sitzung positionierte sich Peter Rauchfuß eindeutig: "Die Sperre ist unangemessen, weil die Entscheidung nicht bis zum Ende gegangen ist. Lemme/Ullrich wurde nichts nachgewiesen." Daher sei die zwischenzeitliche Suspendierung der beiden auf nationaler und internationaler Ebene Strafe genug gewesen. Rauchfuß hat Lemme/Ullrich für die kommende Bundesliga-Saison einen Platz im DHB-Kader freigehalten. Er plädiert vor allem für einen Einspruch, um die Hintermänner des Manipulationsversuchs dingfest zu machen. "Der entscheidende Name wurde offiziell noch nicht genannt, die wirklichen Schuldigen müssen getroffen werden."


Welche Rolle spielte

Andrej Lawrow?


Im Raum steht immer noch die Frage nach einer Beteiligung des früheren russischen Nationaltorwarts Andrej Lawrow, er fungierte bei besagtem Spiel als Schiedsrichter-Betreuer. Ob er in die Sache involviert ist, wurde bislang nicht geklärt. Für Rauchfuß ist der Fall Lemme/Ullrich ähnlich gelagert wie der von der EHF bereits entschiedene Fall Skopje. Auch dort wurde der Verein bestraft, die Hintermänner, die die Manipulation zu verantworten hätten, wurden aber nicht genannt. "Mr. Unbekannt" war es auch, der den französischen Schiedsrichtern Lazaar/Reverret während des Banketts beim letztjährigen Frauen-Champions-League-Finale Zwezda Zwenigorord - Hypo Niederösterreich Geld angeboten hatte. Weil die Identität des Mannes und dessen Rolle nicht geklärt werden konnte, stellte die EHF das Verfahren ein - der Verein aus der Nähe von Moskau (das Spiel fand ebenfalls in Chechov statt) wurde freigesprochen, obwohl es nachweislich einen Manipulationsversuch gab.

Knallhart sanktionierte die EHF hingegen die versuchte Manipulation beim WM-Qualifikationsspiel Rumänien - Montenegro am 14. Juni 2008 (siehe nebenstehenden Text). Peter Rauchfuß lobte diese EHF-Entscheidung, verwies gleichzeitig aber auch darauf, dass "es immer zwei Seiten gibt": Schiedsrichter und solche, die mit Geld Manipulationen herbeiführen wollen.

Während der Urteilsverkündung gegen Lemme/Ulrich weilte Rauchfuß beim IHF-Schiedsrichter-Symposium in Tunis - auch dort war das Urteil ein Haupt-Gesprächsthema. Verwundert zeigte sich Rauchfuß über die Tatsache, dass alle mitteleuropäischen Nationen vor Ort waren, die Schiedsrichter aus der ehemaligen Sowjetunion aber durch Abwesenheit glänzten: "Das hat mir zu denken gegeben."


Dubiose Vorfälle

Gleiches denkt Rauchfuß auch beim Rücklauf der EHF-Fragebögen zu Manipulationsfällen, wo alle acht Versuche von mitteleuropäischen Schiedsrichtern gemeldet worden waren. "Jeder muss das mit sich selbst ausmachen, aber es ist schon verwunderlich, dass es aus den Ländern, aus denen die Vorfälle gemeldet wurden, keine Rückmeldungen gab." Rauchfuß hofft nun weltweit auf die reinigende Wirkung der Aufarbeitung des Skandals. "Ich will nie wieder eine solche Situation haben." Große Hoffnung setzt er dabei auf die neue DHB-Rechtsordnung und die neue Ehrenerklärung für Schiedsrichter: "In Tunis zeigten sich viele Nationen sehr angetan von den DHB-Maßnahmen und wollen diese weltweit umsetzen." Um so lieber hätte Rauchfuß die neue Saison ohne Ermittlungen gegen den THW Kiel in Sachen CL-Finale 2007 begonnen: "Leider dauert das noch an. Irgendwie ist es bedenklich, wie lange diese Wege vor allem im Ausland sind."

Im DHB-Bundesliga-Kader werden derweil drei junge Paare eingesetzt, nachdem drei routinierte aus den unterschiedlichsten Gründen aufhörten. "Auch Schiedsrichter leiden unter dem engen Terminplan", verweist Rauchfuß auf Harald Andler, der aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. "Die jungen Schiedsrichter werden das schon richten, aber langfristig müssen wir uns etwas einfallen lassen", appelliert Rauchfuß an alle Vereine. "Die Clubs schaffen es viel leichter, einen 14. Spieler in den Kader zu integrieren, als mit 13 zu spielen und einen für die Schiedsrichter-Ausbildung anzumelden." Langfristig drohe eine "Schiedsrichter-Insolvenz", aber man sei überall beim DHB gerade dabei, mit neuen Kampagnen für die Schiedsrichter-Ausbildung zu werben. Rauchfuß: "Die Ausbildung bei den Landesverbänden ist hervorragend, aber man muss sie auch wahrnehmen."