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Interview mit Noka Serdarusic

"Es gab keinen Plan B"

> Erst Ihr Rücktritt als slowenischer Nationalcoach, jetzt der Abschied aus Celje - sind Sie amtsmüde oder gar ausgebrannt?

Noka Serdarusic: „Nein, überhaupt nicht. Ich will weitermachen und werde wieder als Trainer arbeiten.“

> Also verspüren Sie keine Abnutzungserscheinungen - vor allem nach all den gesundheitlichen Problemen, die Sie in den letzten zwei Jahren hatten?

„Das hat mich ein ehemaliger Spieler aus Kiel auch am Telefon gefragt. Dem habe ich auch wie folgt geantwortet: Ich und kein Bock mehr auf Handball - das gibt es nicht. Ich mach jetzt zwar erst einmal Pause, aber nächstes Jahr will ich wieder eine Aufgabe anpacken. Ich bin fit.“

> Die Handballszene ist überrascht, dass Sie es nicht länger ausgehalten haben in Celje, nachdem Sie als Nationalcoach Ihren Hut nahmen. Sind Sie beim ehemaligen Champions League-Sieger in kurzer Zeit gescheitert, womöglich an den Erwartungen dort?

„Ich bin nicht gescheitert, ich bin nur konsequent. Womit Sie recht haben ist, dass in Slowenien eine Erwartungshaltung vorherrscht, die überzogen ist. Sowohl in Bezug auf das Nationalteam, als auch in Celje. Die Uhren ticken dort anders. Die Slowenen haben eine ganz eigenwillige, realitätsferne Sichtweise auf ihr derzeitiges Leistungsniveau. Viele träumen noch vom Jahr 2004. Das ist allerdings sechs Jahre her. Aber auch das ist nicht der Grund, warum ich dort nicht weitermache.“

>Sie sollen Gerüchten zufolge Probleme mit den, zu mindestens einigen Spielern gehabt haben. Von einer Revolte war sogar die Rede ...

„Auf diese Gerüchte konnte man doch warten. Die überraschen mich nicht. Es wird so viel getratscht. Nachdem ich in Celje meinen Rücktritt erklärt hatte, habe ich die Mannschaft spontan zu einem Abschiedsabend eingeladen. Wer Lust hatte, sollte kommen, habe ich gesagt. Der Abend ging dann bis weit nach Mitternacht, alle waren da. Alle. Inklusive Betreuer, Arzt usw. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Spieler froh waren über die Entwicklung. Ganz im Gegenteil.“

> Gilt das auch für Uros Zorman?

„Ich soll mit Uros Zorman Probleme gehabt haben - und ja, die hatte ich. Wie jeder Trainer vor mir sie mit ihm hatte, aber wahrend manche Herren im Umfeld wollten, dass wir ihn rausschmeißen, habe ich ihn aufgrund seines handballerischen Potentials und seiner Klasse bei aller Konfrontation nicht verteufelt. Ich wollte sein Potential ausschöpfen, habe ihn zum Kapitän gemacht und er weiß, wie ich zu ihm stehe, da bin ich sicher. Ich habe ihm bei unserem gemeinsamen letzten Abend gesagt, dass ich mit ihm weiter gekämpft hatte, um ihn zu formen, wie ich es auch mit den anderen Jungs getan hatte. Zorman blieb jedenfalls bis ganz zum Schluss und der Abschied fiel nicht leicht. Auch ihm nicht. Jedenfalls deute ich seine Umarmung am Ende so...“

> Einige Leistungsträger sollen, das war wiederum auch zu hören, nun ihrerseits an Abschied denken ...

„Das mochte ich nicht kommentieren. Ich kann nur sagen, dass die Chemie so war, wie sie sein sollte und sein muss.“

> Und was war mit Spielern wie Vugrinec, Kozlina, Pajovic oder Kokscharow?

„Ist es nicht normal, dass Spieler, die am Ende ihrer Karriere stehen und neue, junge Spieler vorgesetzt bekommen, wodurch sie weniger Spielanteile haben, weniger happy sind? Ob mit Noka oder ohne - diese Spieler müssen gehen, wenn ihr Vertrag ausgelaufen ist. Das hat mit mir nichts zu tun. Wir haben in Celje vor der Saison zehn Spieler verabschiedet und fünf neue geholt. Vier davon sind gleich Stammspieler geworden, das ging zu Lasten alt gedienter Spieler wie die in Ihrer Frage erwähnten. Aber das ist doch kein Problem, an dem ich als Trainer scheitere. Zu meinem Job gehört es nun mal, Arger mit Spielern zu haben, mich zu reiben, auch an Spielern wie Zorman, damit am Ende die Mannschaft als Ganzes davon profitiert. Fragen Sie mal Staffan Olsson, mit dem habe ich in Kiel auch lange Stress gehabt, bis wir uns verstanden und von da an super klar kamen - bis heute...“

> Celjes Starensemble hat aber offenbar nicht ausreichend profitiert von diesem Reizklima. Ihr Sportdirektor Roman Pungartnik sagte, die Ergebnisse haben nicht gestimmt, darum habe er Ihren Rücktritt angenommen ...

„Was soll so eine Aussage? Das ist oberflächlich. Man muss schon relativieren können - und wollen: Letzte Saison wurden wir Meister und Pokalsieger. In der aktuellen Meisterschaft haben wir erst sieben Spiele gehabt, von denen ich vier gar nicht mitgemacht habe, weil ich gesperrt war bzw. im Krankenhaus lag. Zwei von diesen sieben Partien haben wir verloren, eine davon mit mir auf der Bank. Mir ging es wochenlang dreckig, so dass ich erst jetzt, wo ich mich wieder fit fühle und meine Werte wieder besser sind, uneingeschränkt eingreifen konnte. Diese Mannschaft sollte systematisch verjungt und umgebaut werden, da läuft nicht alles glatt von Beginn an. Erst recht nicht in der Champions League, dort war von Anfang an klar und unser Plan, dass wir nur über Kielce und Chambery das Achtelfinale erreichen können, weil Kiel, Mannheim und Barcelona in dieser Saison noch viel zu stark für uns sind. In Kielce haben wir gewonnen, gegen die drei Topteams wie erwartet verloren. Natürlich hofft man, dass mal eine Überraschung gelingt zuhause gegen eine der drei großen Mannschaften, natürlich ist man traurig, wenn es nicht klappt, aber davon auszugehen, dass dieses Team gegen Kiel, die Löwen oder Barcelona bestehen kann, spricht für wenig Realitätssinn, wie schon erwähnt. Man darf durchaus anderer Meinung sein, ich aber sage: Die Qualifikation für das Achtelfinale wäre super, fast sensationell - und keine Selbstverständlichkeit.   „

> Celje hat letztlich ja auch nicht Ihnen gekündigt, sondern umgekehrt. Ihren Erläuterungen zufolge hatten Sie dann doch weitermachen können oder gar müssen, wenn alles noch planmassig lief, zumal die Neuzugange wie Prieto, Rnic, Metlicic oder Alilovic wegen Ihnen gerade erst nach Celje kamen ...

„Ja, stimmt. Und das tut mir auch leid. Insbesondere für die fünf Neuen. Aber auch für alle anderen Spieler. Ich hatte gerne mit der Mannschaft weitergearbeitet, sie aufgebaut. Reibung ist dabei das normalste von der Welt. Aber die Reibung im Umfeld, der Stress drum herum - das wollte ich keinen Tag langer mehr mitmachen. Ohne wirkliche Not gab es ständig Krisensitzungen mit Roman Pungartnik, Aussprachen, Druck auf die Mannschaft, eingeforderte Sieg-Garantien wegen angeblicher Unruhe im Umfeld und im Verein - ich habe in all den Jahren in Kiel nicht so viele Sitzungen gehabt wie in den wenigen Wochen in Celje seit Saisonbeginn. Diese dauernde, übertriebene Unruhe von außen, der Aktionismus - das hat mir die Lust geraubt, weiterzumachen. Noch einmal: Ärger mit Spielern ist mein täglich Brot, mein Job - Ärger mit Funktionären aber nicht. Darum mein Entschluss. In Kroatien gibt es ein Sprichwort, das übersetzt heißt: Ich habe es nicht nötig, dass es mir schlecht geht. Danach habe ich gehandelt.“

> ... und sind somit einer möglichen Entlassung zu einem späteren Zeitpunkt zuvorgekommen?

„Ich habe montags Roman angerufen und gesagt, dass Schluss ist, nachdem wir am Abend zuvor wieder ein Krisengespräch hatten nach unserer Niederlage in Loka und er mich fragte, ob ich ihm garantieren könne, dass wir jetzt nacheinander in der Liga Velenje schlagen und in der Champions League in Chambery gewinnen, da der Druck zunehme. Zorman und Zvizej sind derzeit verletzt - ohne die beiden kann ich solche Zusagen nicht abgeben und ich will es auch generell nicht tun. Entweder steht man zu einem Konzept und zu einem Trainer, oder nicht. So oder so braucht man nicht immer wieder alles zerkauen und sich verunsichern lassen von aussen, sondern soll konsequent sein. Das war ich.“

> Wenn es eine Art einvernehmliche Trennung war, ist dann vertraglich, sprich finanziell alles geklärt?

„Es war keine einvernehmliche Trennung, ich bin gegangen. Andernfalls stünden mir vertraglich noch drei Monate Gehalt zu. Ich kriege aber nichts, weil ich gekündigt habe - das zeigt, wie einvernehmlich alles war.“

> Nachgehakt: Sie meinten, „wie wenig einvernehmlich“, also einseitig Ihrerseits es war?

„Ich hab gefragt: Schulde ich Euch was? Nein? Gut. Ende. Da war null Diskussion mehr nötig.“

> Es bleibt überraschend, zumal Pungartnik mit Ihnen gemeinsam von den Nationalmannschaftsämtern zurückgetreten war und damit Loyalität demonstrierte ...

„Es gab schon Probleme mit dem Verband, stimmt. Auch aus Vereinssicht, zum Beispiel wegen meiner übertriebenen Sperre - worauf man aus Sicht Celjes reagieren konnte, ja sogar musste. Aber der wahre Grund für den Rücktritt war: Tomaz Jersic hatte im Sommer seinen Job als Generaldirektor bei der Nationalmannschaft hingeschmissen, weil er viel Stress und Theater hatte in diesem Amt, obwohl wir - Roman, er und ich - uns bei meiner Verpflichtung versichert hatten, dass wir etwas gemeinsam und nur gemeinsam aufbauen wollen. Der Verbandspräsident nannte uns schon das Dreamteam Sloweniens. Ich habe damals gesagt: Wir geben uns das Wort drauf. Klipp und klar. Aber auch: Wenn einer aus dieser Konstellation ausschert, mach ich ebenfalls sofort Schluss. Tomaz' Rückzieher war der wichtigste Grund, aufzuhören, obwohl ich noch eine Weile mit mir gerungen habe, denn es gab ja gute Ansatze mit der Mannschaft, die vor meiner Zeit ganz am Boden lag.“

> Jersic konnte Sie dann auch nicht beeinflussen zu bleiben, als es um Celje ging, wo er Vorstandsmitglied ist?

„Nein. „

> Was jetzt? Wo wollen Sie anheuern, was haben Sie vor?

„Wie gesagt: Ich besuche jetzt meine Familie und Freunde in Mostar, Montpellier und Hamburg. Bis Weihnachten ist erst einmal Ruhe und Urlaub angesagt, dann aber wird mir der Urlaub bestimmt schon stinken. Wenn es soweit ist, werde ich sehen, welche Möglichkeiten sich mir bieten. Aber nicht in den nächsten Tagen und Wochen.“

> Ist mit Ihrer Rückkehr nach Deutschland zu rechnen? Können Sie sich das überhaupt vorstellen, nach allem, was war?

„Klar kann ich das. Ich muss ja dahin gehen, wo ich mich als Trainer verständigen kann. Die Sprache ist wichtig. Da kommt nur die Region des ehemaligen Jugoslawiens und der deutschsprachige Raum in Frage. Wenn ich einen Spieler zum Teufel jagen will, kann ich doch nicht erst einen Übersetzer einschalten (lacht). Im Ernst: Eine Rückkehr nach Deutschland ist nicht auszuschließen.“

> Was wird aus dem Prozess, der auch noch im Raum und Ihnen mit Blick auf ein Engagement in der Bundesliga womöglich im Wege steht?

„Ich hoffe, dass das bis Jahresende geklärt und beendet ist und ich anschliessend in Ruhe irgendwo wieder arbeiten kann. Mehr sage ich nicht dazu.2

>Es geht das Gerücht um, Sie konnten gemeinsam mit Nikola Karabatic beim HSV anheuern ...

„Ach ja? Sie sagen es: Das ist ein Gerücht, nicht Stand der Dinge.“

> Sie haben einmal gesagt, man solle im Sport niemals nie sagen ...

„Korrekt, das habe ich gesagt und dazu stehe ich ja generell auch. Aber das ist in diesem Zusammenhang kein versteckter Hinweis. Ich habe bis vor ein paar Tagen im Sinn gehabt, trotz allem in Celje etwas zu bewirken. Es gab keinen Plan B.“

> Gibt es ihn jetzt, bzw. einen neuen Plan A?

„Nochmals: Nein. Noch nicht.“

> Wenn Sie u.a. in Montpellier und Hamburg privat zu Besuch sind - werden Sie sich dann auch live Handballspiele ansehen?

„Sicher. Warum denn auch nicht? Das ich Gerüchte schüren konnte, wenn ich dort in die Halle gehe, ist doch albern. Gegen Spekulationen kann ich doch sowieso nichts machen. Ginge es danach, habe ich schon in Montpellier und Zagreb unterschrieben. Habe ich aber nicht. Noch nicht mal Gespräche geführt. Ich mochte jetzt erst mal Abstand gewinnen. Dann sehen wir weiter.“