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Schwarzer: Kiel wie Bayern

Etwas besser zu machen, ist immer leichter

Für Christian Schwarzer ist die Handball-Saison entschieden: Der THW Kiel wird weiter dominieren und Meister. „Die einzige Mannschaft, die Kiel gefährlich werden könnte, ist Hamburg“, so der Weltmeister von 2007 nach dem Kieler Startrekord mit dem achten Sieg in acht Spielen (32:25 in Großwallstadt). „Aber Hamburg hat das gleiche Verletzungspech wie Kiel im Vorjahr. Ich glaube nicht, dass diese Saison irgendjemand Kiel Paroli bieten kann.“ Die gelernten Machtverhältnisse scheinen wieder hergestellt und damit herrscht wieder Alltag in Deutschlands wichtigsten Ligen. Normalität. Denn kurioserweise läuft die Fußball-Bundesliga bislang exakt genauso. Auch hier ist Rekordmeister Bayern München wieder ganz oben und scheinbar ohne Konkurrenz. Und in beiden Ligen sind die aktuellen deutschen Meister, der HSV Hamburg und Borussia Dortmund, wieder das, was sie vor ihren Titeln waren: Verfolger. „Kiel ist motivierter, die haben sich schon sehr geärgert, gerade weil der HSV Meister geworden ist“, sagte dazu der dreimalige Welthandballer Daniel Stephan dem SID. Und sein Kumpel Christian Schwarzer ergänzt: „Bei Hamburg ist so ein kleiner Sättigungsprozess eingetreten. Das passiert, wenn man lange nach einem Titel strebt und ihn dann endlich erreicht hat.“

„Wenn ein Ziel erreicht ist, kann schnell der Schlendrian einsetzen. Da kommt erst einmal ein Loch“, bestätigte Dr. Jeannine Ohlert, Sportpsychologin der Deutschen Sporthochschule Köln. „Aber das brauchen der Kopf und der Körper auch, denn es hat viel Energie gekostet, das Ziel zu erreichen. Man muss dann einfach mal durchschnaufen.“

In der Fußball-Bundesliga ist der FC Bayern seit der Auftaktniederlage gegen Gladbach (0:1) ungeschlagen und ohne Gegentor. Die Bayern strahlen wieder dieses Unbesiegbar-Selbstvertrauen aus. „Etwas besser zu machen, ist immer leichter, als etwas Gutes zu wiederholen“, so Jeannine Ohlert. Wo aber ist der Glanz von Dortmund und Hamburg? Die Souveränität ist schlichtweg futsch. „Hamburg hat Probleme, weil sie eben deutscher Meister geworden sind. Sie haben Jahre darauf hingearbeitet, sind jetzt ganz oben und oben zu bleiben ist immer schwierig. Die schleppen sich nur durch“, so Ex-Profi Daniel Stephan. Die Psychologen sprechen bei diesem Phänomen vom Aktivierungsgrad. „In dieser Situation sind Psychologen gefragt, um die Aktivierung bei jedem Spieler zu steuern. Denn die Spieler beschäftigen sich nicht automatisch damit, wie diese Aktivierung läuft und ob sie vor jedem Spiel am richtigen Punkt sind“, sagt Sportpsychologin Ohlert, die selbst aktuell mit Golfern und jungen Fußballerinnen zusammenarbeitet. Ohlerts Eindruck: Die Spieler beschäftigen sich vor einem Spiel nicht damit, was in ihrem Kopf passiert. Hinterher können sie dann sagen, dass sie nicht ganz da waren, aber dann ist es eben zu spät. Und: „Die Ligen scheinen noch nicht offen genug zu sein für die Sportpsychologie.“

In der Tat haben von den vier Clubs lediglich die Bayern einen festen Psychologen: Ex-Bundesliga-Torwart Philipp Laux, von Jürgen Klinsmann engagiert. Beim BVB schaut Psychologe Heiner Langenkamp etwa zweimal pro Woche nach dem Rechten, steht den Spielern bei Bedarf zur Verfügung. Kiel und Hamburg arbeiten nicht mit Psychologen zusammen.   Für Jeannine Ohlert der beste Beweis, was im Argen liegt. „Leider ist die Sportpsychologie in die Ausbildung junger Sportler in der Regel nicht eingeschlossen. Eigentlich müssten die Spieler bereits in jungen Jahren lernen, wie wichtig der Kopf ist und wie sie sich selbst und ihre Aktivierung regulieren können. Dann muss man in entscheidenden Situationen höchstens noch einen Denkanstoß geben.“ Die Sportstiftung Nordrhein-Westfalen finanziert Sportpsychologin Ohlert die Arbeit mit den U15- und U17-Kaderfußballerinnen in NRW. Das Ziel: Den Kopf frühzeitig genauso trainieren wie den Körper, um langfristig weniger Spieler zu haben, die es „vom Kopf her“ nicht schaffen.