HSV Hamburg - SG Flensburg-Handewitt - Das Nordderby - Große Erleichterung bei Per Carlén - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Das Nordderby

Große Erleichterung bei Per Carlén

Abpfiff, Erleichterung - nach dem deutlichen 27:19-Erfolg seines HSV
Hamburg gegen die SG Flensburg-Handewitt fiel die ganze Anspannung der
60 Minuten von Per Carlén ab. Der HSV-Trainer umarmte jeden seiner
Spieler. Einen von ihnen gefühlt einige Augenblicke länger als die
anderen: Johannes Bitter. Für viele war der ehemalige Nationaltorhüter
der Mann des Tages. "Man kann sagen, dass er das Spiel für den HSV
gewonnen hat", meinte gar SG-Coach Ljubomir Vranjes.

Dabei war die Torhüter-Position im Vorfeld das Sorgenkind bei den
Hamburgern gewesen. Dan Beutler hatte sich mit einem Magen-Darm-Virus
abgemeldet, Marko Kaninck vom Oberliga-Team saß nur für den absoluten
Notfall auf der Bank. Am Nachmittag flößte Per Carlén seinem
verbliebenen Top-Keeper Mut ein: "Du wirst heute ein Super-Spiel
machen!" Es half. Johannes Bitter wehrte nicht weniger als 18 Bälle ab,
bekam gleich beim ersten Siebenmeter von Anders Eggert die Finger an den
Ball. "Schon vor dem Spiel hatte ich ein sehr gutes Gefühl, dass sich
nach den ersten guten Aktionen noch verstärkte", beschrieb der
Schlussmann sein Innenleben. "Er ist mental unheimlich stark", staunte
HSV-Allrounder Matthias Flohr.

Im Rund skandierten die Zuschauer ständig den Namen von Johannes Bitter.
Aber auch: "Der HSV ist wieder da!" Sie sahen eine Leistungssteigerung
des amtierenden Meisters im Vergleich zu den zuletzt eher mäßigen
Auftritten. Das galt vor allem für die Deckung. "Mit der überragenden
Abwehrarbeit haben wir so manchem Flensburger den Zahn gezogen", meinte
Präsident Martin Schwalb. Die viertägige Auswärtsreise in der letzten
Woche nach Wuppertal und Rumänien sei sehr förderlich gewesen, erklärte
Matthias Flohr. "Wir haben viel zusammengesessen und uns unterhalten,
was wir besser machen können." Und die Mission "Titelverteidigung" ist
nicht abgehakt, wie Johannes Bitter bekräftigte: "Der HSV ist immer da.
Wir sollten aufhören, über die zwei Spiele zu reden, die wir verloren
haben."

Im Flensburger Lager herrschte naturgemäß eine ganz andere Stimmung. Vor
dem Anpfiff war aus den Gesichtern der Akteure abzulesen, dass sie an
ihre Chance glaubten. Auf dem Spielfeld konnten die Gäste ihre
Zuversicht allerdings nur in der Abwehr umsetzen. Der Angriff agierte zu
harmlos. Sechs Tore in 30 Minuten -so wenig hatte die SG seit Dezember
1998 nicht mehr in einer Halbzeit erzielt. Holger Glandorf schwächelte
wegen einer fiebrigen Erkältung, Lars Kaufmann wirkte stark
verunsichert. Die Ersatzleute Tamás Mocsai und Petar Djordjic waren
zumindest diesmal keine Alternativen. Und Torschützenkönig Anders Eggert
verblüffte nicht mit Trickwürfen, sondern mit einer frappierenden
Abschlussschwäche. "Uns fehlte Wurfgenauigkeit, Kaltschnäuzigkeit, Wille
und eine positive Arroganz", meinte SG-Geschäftsführer Holger Kaiser.
Trainer Ljubomir Vranjes stellte klar: "Ich möchte mich mit Kiel und
Hamburg vergleichen - da möchte ich hin."

Doch diesmal betrug der Rückstand auf den HSV wieder acht Tore - wie am
6. November 2010, beim letzten Aufeinandertreffen an der Elbe. Damals
hatte die SG kurz danach ihren Trainer Per Carlén beurlaubt. An neuer
Wirkungsstätte stand der Schwede nun unter großem Druck. Nicht wenige
Beobachter schlossen nach einer möglichen Derby-Niederlage personelle
Konsequenzen auf der HSV-Bank aus. Dementsprechend fiel Per Carlén nach
Spielschluss eine Zentnerlast von den Schultern. Er herzte die Spieler
und befeuerte die stehenden Ovationen des Publikums mit jubelnden
Geesten. "Den Sieg heute werten wir als Signal für die Zukunft", sagte
er abschließend.