Rhein-Neckar Löwen - Interview mit Thorsten Storm, Manager der Rhein-Neckar Löwen - "Ich hoffe, dass wir positiv überraschen" - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Interview mit Thorsten Storm, Manager der Rhein-Neckar Löwen

"Ich hoffe, dass wir positiv überraschen"


Erst vor wenigen Wochen hat der 45-jährige Nordfriese Thorsten Storm seinen Vertrag vorzeitig bis 2015 verlängert. Nach zuletzt  zwei Mal Platz vier und einmal Platz drei in seiner Ära sollen die Badener in der Bundesliga-Spielzeit 2010/11 wieder einen Schritt nach vorn machen, der Abstand zu den beiden Topclubs auf Kiel und Hamburg soll erneut verkürzt werden, der Start in der Champions League ist für die Löwen ein Muss und die Teilnahme am sechsten Final Four in Folge wäre auch nicht schlecht. Im Interview verrät der Löwen-Manager, was er von der Spielzeit 2010/11 erwartet und was sich bei den Löwen und im Handball noch verändern muss.

> Seit 2007 leben Sie inzwischen in Heidelberg, wie häufig muss der Nordfriese Storm noch nachfragen, wenn die Badener ihn mit ihrem einzigartigen Dialekt konfrontieren?

Thorsten Storm: Welchen Dialekt? Ich habe hier bislang keinen Dialekt gehört. Vielleicht ein bisschen bei unserem Betreuer Conny Hoffmann, wenn er aufgeregt ist.

> Sind Sie in der Region angekommen?

Es ist hier wirklich sehr schön. Auch für einen Nordfriesen beziehungsweise Halbdänen.

> Was erwarten Sie von der Bundesliga-Spielzeit 2010/11?

Wie es alle „Spezialisten“ im Vorfeld bereits gesagt oder geschrieben haben, um den Titel spielen die gleichen Teams wie im Vorjahr. Und gegen den Abstieg die Aufsteiger und zwei bis drei andere Mannschaften, die bisher auch immer unten drin gestanden haben. Wir haben eine Dreiklassengesellschaft mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Aber auch dieses Jahr wird es Überraschungen geben. Und ich hoffe, dass wir diesmal positiv überraschen.

> Die Löwen haben ein gutes Auftaktprogramm, wie wichtig ist ein Heimsieg gegen Frisch Auf Göppingen beziehungsweise wäre eine Erfolgsserie zu Beginn der Saison?

Ein guter Saisonstart ist nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für die Stimmung im gesamten Umfeld ein großer Vorteil. Dadurch wird zwar nicht das Saisonergebnis entschieden, aber es macht vieles für alle Beteiligten leichter.

> Anfang September geht es beim Wildcard-Turnier in der Europahalle in Karlsruhe um die Qualifikation zur Champions League. Velenje, Silkeborg und León heißen die Gegner, warum gewinnen die Löwen?

Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir in allen drei Spielen hochkonzentriert zu Werke gehen und drei Mal eine Topleistung abrufen. Ich hoffe, dass wir dabei möglichst viele Löwenfans im Rücken haben, denn es ist aus sportlicher Sicht wichtig, Heimrecht zu haben. Aber wirtschaftlich ist es bei voller Kostenübernahme für Spielhalle und Hotel sowie Verpflegung für alle Teams ein großer Aufwand. Die Europahalle hat sich allerdings sehr kooperativ gezeigt.

> Seit die Löwen 2005 wiederaufgestiegen sind, waren sie in jedem Jahr beim Final Four in Hamburg dabei, standen drei Mal im Finale, für den großen Wurf hat es allerdings noch nicht gereicht.  Warum?

Man muss in vielen Endspielen dabei sein, dann wird es auch irgendwann mit etwas mehr Glück als bisher zum ersten Titel reichen. Andere Mannschaften wie zum Beispiel der THW Kiel und auch die SG Flensburg-Handewitt haben viel länger gebraucht, bis es geklappt hat. Wir sind ein junger Verein und hatten für unsere Entwicklung bis hierher ein enges Zeitfenster als Vorgabe. Die Löwen werden auch noch Titel gewinnen. Dafür ist die Basis gelegt und stark genug.

> Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei den Löwen seit Ihrem Wechsel von der Flensburger Förde nach Baden?

Das beurteilen doch täglich andere Menschen. Nachdem Daniel Hopp den Verein in den ersten Jahren als Einzelperson am Leben gehalten hat, sind wir mittlerweile mit sieben Gesellschaftern und vielen neuen Sponsoren breit aufgestellt. Besonders stolz macht mich die Entwicklung in den Medien und bei den Dauerkarten. Es wächst etwas zusammen. Ein Team.

> Was muss sich noch verändern?

Die Rahmenbedingungen sind wirklich sehr gut. Von der medizinischen Abteilung, über das Trainingszentrum, die SAP ARENA, ein großer Fanclub Baden Lions bis zur wirklich mittlerweile sehr guten sozialen Stimmung in der Mannschaft. Jetzt brauchen wir etwas Geduld und Gelassenheit. Es wird immer mal wieder etwas in die Hose gehen. Aber generell muss man immer bei seiner Linie und auf seinem Weg bleiben. Zusammenhalten, wenn es auch mal eine Niederlage gibt.

> Haben Sie sich in den zurückliegenden Jahren verändert?

Ich lerne jeden Tag dazu. Und ich bin, glaube ich, sicher etwas ruhiger und gelassener geworden. Aber das wurde ja auch Zeit mit jetzt fast 46 Jahren.

> Was fehlt Ihnen am meisten, wenn Sie an Ihre Heimat in Norddeutschland denkst?

Der Nordseestrand und die salzige, frische Luft.

> Früher haben Sie Fußball und später auch Handball in der Bundesliga gespielt. Wie viel Sport lässt der Terminkalender von Thorsten Storm zurzeit noch zu?

Deutlich zu wenig. Aber wie jedes Jahr habe ich mir Besserung geschworen. Die Montagskicker mit dem SAP-ARENA-Team sind im Terminplan allerdings fest eingetragen.

> Wie können Sie am besten abschalten?

Man muss Freiräume ohne Handy oder Blackberry fest einplanen. Und man muss den Job vom Privaten komplett trennen. Eigentlich mag ich das Wort „muss“ nicht, aber hier geht es nicht anders.

> Sind Sie Du vor Spielen besonders angespannt?

Natürlich. Das ist doch das Interessante an diesem Job. Wir spielen zwar nicht selbst mit und können das Ergebnis auch in keinster Weise beeinflussen, aber umgekehrt beeinflusst es so viel meiner Arbeit. Das sportliche Ergebnis ist nun einmal Woche für Woche direkt messbar.

> Ist Manager bei einem Handball-Bundesligisten eigentlich Ihr Traumjob?

Es ist harte Arbeit: volle Terminkalender, wirtschaftlicher Druck, viele Besserwisser. Aber ich möchte nichts anderes machen. Ich habe viele schöne Momente durch den Handball erlebt. Als Spieler und als Geschäftsführer und ich lerne täglich dazu. Interessante Menschen habe ich ebenfalls kennengelernt. Aber eben auch viele sogenannte „falsche Fuffziger“,  man lernt schnell das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

> Was muss sich beim Handball ändern, was wird sich in den nächsten Jahren beim Handball ändern?

Wir sind auf einem gefährlichen Weg, was unseren Terminkalender betrifft. Die Vereine als Arbeitgeber und die Spieler als Hauptdarsteller haben zudem zu wenig Mitspracherecht gegenüber den Verbänden. Wir wollen unsere Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze schützen. Die Verbände wollen ihre Interessen durchsetzen. Es geht um Geld. Irgendwann werden wir allerdings keine Topspieler mehr auf einer WM oder EM sehen, weil sie einfach nicht mehr können. Gerade Spieler, die langfristig unter Vertrag stehen und die internationale Bühne nicht für einen neuen Arbeitsvertrag benötigen, werden ihre Körper schützen müssen. Oder es ändert sich hier etwas. Aber ich habe wenig Hoffnung auf Einsicht, denn es geht hier um viel Geld bei EHF oder IHF.

> Wie sehen Sie die Zukunft der Toyota Handball-Bundesliga und welche Chancen hat der Handball in den nächsten Jahren in Deutschland?

Der Handball hat sich in den zurückliegenden fünf Jahren sehr gut entwickelt. Ein Geschenk war die WM 2007 in Deutschland. Aber genau das ist oft der Fehler. Es wird zu viel zurückgeblickt und das verblendet oft den Blick für die Ist-Situation und die Zukunft. Der Hunger nach Weiterentwicklung darf nicht abhandenkommen. Dann überholen einen die anderen. Zu viel Schulterklopferei bringt keine neuen Erfolge.

> Wer wird Deutscher Meister 2011 und warum?

Es wäre jetzt nicht gut, wenn ich auf Kiel oder Hamburg tippen würde, aber diese beiden Mannschaften sind zum jetzigen Zeitpunkt die großen Favoriten. Warten wir mal ab, wie die Saison startet.