TBV Lemgo - Interview mit Lajos Mocsai, Jahrhundert-Trainer des TBV Lemgo - "Kann mir vorstellen, noch einmal zurückzukommen" - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Interview mit Lajos Mocsai, Jahrhundert-Trainer des TBV Lemgo

"Kann mir vorstellen, noch einmal zurückzukommen"

Eine große Ehre für Lajos Mocsai. 15 Jahre nach seinem Abschied aus dem Lipperland ist der 57-Jährige Handball-Professor aus Budapest zum Jahrhundert-Trainer des TBV Lemgo gewählt worden.

Willkommen zurück in Lemgo. Wann waren Sie zuletzt in der Lipperlandhalle?
Lajos Mocsai: Das muss 2000 gewesen sein. Beim Europacupspiel gegen Dunaferr hatte mich der TBV eingeladen. Danach war ich aber auch privat mal in Lemgo.

Als ungarischer Nationaltrainer und Chefcoach von MKB Veszprem bleibt sicherlich auch wenig Zeit. Wieviel Stunden verbringen Sie täglich in der Handballhalle?
Mindestens zwei Trainingseinheiten täglich. Doch dazu kommt natürlich noch viel Theorie...

Dann hat sich in ihrem Leben ja nicht viel geändert gegenüber den sieben Jahren in Lemgo.
Als ich damals beim TBV angefangen bin, hat mich ein ungarischer Journalist angerufen und nach den professionellen Standard in Deutschland gefragt. Beim TBV hatte ich damals fünf Trainingseinheiten plus ein Spiel pro Woche. In Ungarn waren wir damals schon bei zehn Einheiten.

Und nun sind Sie Jahrhunderttrainer beim TBV. Sind Sie erstaunt?
Für mich ist das eine große Überraschung. Ich wusste gar nichts davon. Erst Volker Zerbe und Fynn Holpert haben es mir erklärt. Natürlich bin ich sehr beeindruckt. Schließlich haben nicht irgendeine Jury oder Journalisten gewählt, sondern die Fans haben abgestimmt. Das hat für mich noch mehr Wert.

Wie erklären Sie sich das Votum?
Die Leute honorieren vermutlich, dass ich in Lemgo den professionellen Handball aufgebaut habe. Ich habe eine andere Arbeitsmoral durchgesetzt, Krafttraining und eine strategische Kultur eingeführt. Ich war immer bereit zu arbeiten. Besonders eng mit Jürgen Kuchenbecker. Doch auch die Clubführung hat mir den professionellen Weg ermöglicht. In dieser Hinsicht muss ich unbedingt Paul-Gerhard Reimann nennen, der stets bescheiden im Hintergrund stand, aber das Konzept immer voll unterstützt hat. Nur so konnte ich hier sieben Jahre lang in Ruhe arbeiten.

Welche Rolle spielt Lemgo heute in ihrem Leben?
Eine große. Immer noch. Ich freue mich sehr, dass ich einige meiner alten Spieler wiedergetroffen habe: Grosser, Ziegler, Zerbe und Stephan, mit dem ich drei Jahre gearbeitet habe, bis er explodiert ist. Ich bin immer wieder gerne in Lemgo. Die Stadt hat meiner Familie menschlich viel gegeben. Unsere vier Kinder sind mehrsprachig aufgewachsen und denken deutsch. Außerdem hat die Zeit in Lemgo auch den Zusammenhalt in der Familie gestärkt. Gerne erinnere ich mich noch an unseren Abschied. Damals sind 160 Menschen zum Aussichtsturm gekommen. Trotz des Olympischen Finales 2000 in Sydney – Lemgo war die schönste Zeit meines Lebens.

Wie schätzen Sie das aktuelle TBV-Team ein?
Mit einem gesunden Linkshänder im Rückraum und einer begeisternden Zuschauerkultur halte ich Platz fünf bis acht für möglich. Ja, ich hoffe es. Und ich spüre, dass in Lemgo eine neue Aufbauphase beginnt, an deren Ende richtig guter Handball steht.


Damit setzen Sie Ihren ehemaligen Schützling Dirk Beuchler aber ganz schön unter Druck.
Dirk war mein Spieler in Nettelstedt. Er ist ein großer Kämpfer. Ich habe ihn auch in Spanien getroffen, als ich ihn bei der Trainerausbildung unterrichten durfte. Ich glaube, dass er ein talentierter Trainer mit gutem Willen ist. Er muss noch etwas lernen und internationale Erfahrung sammeln. Doch ich hoffe, dass er die richtige Linie findet und erfolgreich ist.

Und wann sehen wir Lajos Mocsai wieder in der Bundesliga?
Im Moment habe ich wenig Zeit. Ich bin ja Nationaltrainer und Trainer in Veszprem. Doch ich kann mir vorstellen, noch einmal zurückzukommen. Die Bundesliga ist immer eine große Herausforderung.

Zur Person: Lajos Mocsai hat den TBV Lemgo von 1989 bis 1996 trainiert und dabei den DHB-Pokalsieg 1995 und den Europacup der Pokalsieger 1996 gewonnen. Neben bedeutend kürzeren Engagements beim TuS Nettelstedt, VfL Gummersbach und den Frauen von Vasas SC Budapest trainierte er von 1998 bis 2004 die ungarische Frauen-Nationalmannschaft. Aktuell ist der 57-jährige Dekan an der Semmelweis-Universität in Budapest in Doppelfunktion als Trainer von MKB Veszprem sowie der ungarischen Männer-Nationalmannschaft tätig, die er kurz vor seinem Wechsel nach Lemgo 1989 zur Vize-Weltmeisterschaft führte. Mit den ungarischen Frauen wurde er 2000 Europameister und gewann olympisches Silber 2000 und wurde Vize-Weltmeister 2003.