THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt - Ein historisches Nordderby - Kieler Schützenfest - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Ein historisches Nordderby

Kieler Schützenfest

Dramatik, Hektik und Rivalität - darüber plauderten die Fans nur vor dem
Anpfiff. Das 68. Aufeinandertreffen der beiden schleswig-holsteinischen
Spitzenclubs war so deutlich wie kein anderes in der Historie der
Landesderbys. Der THW Kiel demontierte die SG Flensburg-Handewitt mit
35:21 und demonstrierte eine beachtliche Frühform. Der Rekordmeister
setzte ein echtes Ausrufezeichen im Titelkampf und sich auf Anhieb an
die Spitze der Bundesliga. "Ob das ein Schock für die Konkurrenz war,
soll diese selbst beurteilen", schmunzelte das Kieler Rückraum-Ass Filip
Jicha in die Mikros. "Wir haben uns selbst mit einer guten Laune in der
Kabine beschenkt."

Schon vor dem Anpfiff herrschte Feierstimmung in der Kieler Arena.
Maskottchen "Hein Daddel" trug den frisch gewonnenen Supercup ins Rund,
im Schlepptau die THW-Mannschaft. "Dieser Titel wird ja immer ein wenig
belächelt", sagte THW-Manager Klaus Elwardt. "Aber dieses erste
Pflichtspiel hat uns geholfen, schnell die Nervosität abzulegen." Die
Kombinationen wurden teilweise wie an der Perlenschnur aufgezogen. Und
das Umschalten von Abwehr in den Gegenstoß funktionierte phänomenal. Die
Flensburger wurden förmlich überrollt.

Aus einer starken THW-Truppe ragten sogar noch zwei Akteure heraus. Kim
Andersson traf stolze elf Mal ins Schwarze. "Wir sind bereits
eingespielt", sagte der Schwede. "Wir müssen nur noch Details
verbessern." Das ist bei Thierry Omeyer kaum möglich. Der Schlussmann
unterstrich in der ersten Partie nach der Bekanntgabe, Kiel 2013 gen
Montpellier zu verlassen, seine Weltklasse. "Die Entscheidung war
schwierig, nun bin ich aber froh, dass ich eine Entscheidung getroffen
habe", sagte der Franzose. Ihm schien eine Last von den Schultern
gefallen zu sein. "Wir hatten ja unsere Chancen, aber dann stand da
immer Thierry Omeyer", meinte SG-Kapitän Tobias Karlsson. Der
französische Keeper raubte den Flensburgern den letzten Nerv.

Im SG-Lager herrschte naturgemäß Katerstimmung. Der rabenschwarze Tag
mündete in der "roten Laterne" der Bundesliga. Erstmals seit Januar
1990. Damals firmierte der Klub noch als SG Weiche-Handewitt und gehörte
zu den obligatorischen Abstiegskandidaten. Jetzt möchte man eigentlich
einen Platz im oberen Tabellendrittel und irgendwann wieder
Meisterehren. Doch davon war in Kiel gar nichts zu sehen. Gegen eine
offensive THW-Defensive wirkte der SG-Clan zunehmend ideenlos und
leistete sich einen denkwürdigen kollektiven Blackout. Der THW --gar
nicht derbytypisch --kassierte nicht eine Zeitstrafe. THW-Coach Alfred
Gislason wunderte sich über einen vermeintlichen taktischen Winkelzug:
"Ich habe gegrübelt, was mit Michael Knudsen ist." Aber es war kein
Bluff. Der dänische Kreisläufer, einer der stärksten Flensburger in der
Vorbereitung, hatte sich im Abschluss-Training eine Oberschenkel-Zerrung
zugezogen. Einen Ausfall, den die SG augenscheinlich nicht kompensieren
konnte.

"Für nur zwei Minuspunkte war das doch eine komfortable Lehrstunde",
kommentierte der Flensburger Beiratsvorsitzende Boy Meesenburg bissig.
So ähnlich hatte sich SG-Trainer Ljubomir Vranjes schon im März, nach
der 26:38-Schlappe an gleicher Stelle, geäußert. "Wir haben nichts
gelernt und wir haben den THW wieder nicht geärgert -darüber bin ich
sehr enttäuscht", sagte der sichtlich bediente Schwede. "Das ist ein
bitterer Moment, aus dem Mannschaft und Trainer die Konsequenzen ziehen
müssen", bilanzierte SG-Manager Holger Kaiser. "Man sollte aber nicht
nach jedem Sturm gleich eine Arche Noah bauen. Wir stehen zu unserem
neuen Konzept." Aber es scheint für den Meister von 2004 noch ein langer
Weg zurück an die Spitze zu sein. Und so lange müssen sich wohl auch die
Fans im Norden auf ein Derby gedulden, das diesen Namen auch verdient.

KOMMENTARE

Rocky, 25.07.15, 12:32 Uhr
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Dillian, 09.07.15, 09:27 Uhr
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