VfL Gummersbach - DKB Handball-Bundesliga - Lichtlein: Ich werde den Weg weitergehen - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
DKB Handball-Bundesliga

Lichtlein: Ich werde den Weg weitergehen

Nationaltorwart Carsten Lichtlein musste in seiner Karriere viele Rückschläge wegstecken. Lange Zeit galt er als die Ewige Nummer drei im Tor der Nationalmannschaft. Im Interview verrät der Neu-Gummersbacher seinen Weg, mit den Rückschlägen umzugehen. Zurzeit laboriert der 172-malige Nationalspieler an einer Schnittverletzung am rechten Zeigefinger, die er sich beim Rasenmähen im heimischen Garten zuzog. Nach Angaben des Vereins wird der 32-Jährige erst in zwei Wochen wieder voll einsatzbereit sein.

„Ich mag es, wenn es ruhig und friedlich ist“, haben Sie nach Ihrem Wechsel nach Gummersbach und den Turbulenzen zuvor beim TBV Lemgo gesagt. Ist dann der VfL der richtige Verein für Sie, obwohl es dort ebenfalls große wirtschaftliche Schwierigkeiten gab und der Ligaerhalt erst am letzten Spieltag geschafft wurde, Herr Lichtlein?

Carsten Lichtlein: Das ganze Konzept mit der neuen Halle, der Schwalbe-Arena, stimmt mich optimistisch. Klar müssen wir erfolgreich sein, damit die Halle mit über 4000 Zuschauern auch gefüllt ist. Aber man hat schon in der Vorbereitung gesehen, dass die Mannschaft zueinander gefunden hat und von Spiel zu Spiel gewachsen ist. Wir müssen unser Auftaktspiel am 24. August gegen Aufsteiger Emsdetten gewinnen, und ich hoffe, dass das dann auch ein Startschuss für die Zuschauer ist, dass sie unseren neuen Weg mit verfolgen. Ich glaube, dass wir als Mannschaft überzeugen werden und nicht in die gleiche Situation wie in der Vorsaison kommen.

Ist damit ein Mittelfeldplatz nach Rang 15 das Ziel?

Da schielen wir schon hin.

Sie haben einen Dreijahresvertrag unterschrieben und davon gesprochen, mit dem VfL langfristig einen Europapokalplatz erreichen zu wollen. Wie sehen Sie die mittelfristigen Perspektiven in Gummersbach?

Wir haben eine junge Mannschaft. Wenn wir so weiterarbeiten und langfristig planen, kann das klappen.

Wobei Sie als Führungsspieler vorangehen wollen?

Ja, ich versuche von hinten schon Kommandos zu geben, weil ich als Torwart die Spiele von da besser sehe als die Abwehrspieler.

Wie sehr beschäftigt Sie die im Juni erstmals verpasste Qualifikation für die EM mit dem Nationalteam noch?

Jetzt nicht mehr. Aber wir, der Trainer und die einzelnen Spieler, haben schon versucht zu analysieren, woran es gelegen hat und was wir besser machen können. Wir haben aber zusammen durch den engen Spielplan in der Bundesliga leider zu wenig Zeit. Man muss aber auch sehen, dass wir im Januar mit Platz fünf bei der Weltmeisterschaft in Spanien ein gutes Turnier gespielt haben. Die Mannschaft hat das Potenzial dazu. Aber die Konstanz, dies in jedem Spiel abzurufen, die fehlt uns. So können wir wie bei der WM Frankreich schlagen, aber auch in der EM-Quali gegen Mannschaften wie Tschechien und Montenegro verlieren. Dass wir im Januar bei der EM in Dänemark nicht dabei sind, ist ein herber Schlag und wird uns, wenn wir die Spiele am Fernseher verfolgen, noch einmal wehtun. Aber das haben wir uns selbst eingebrockt und sollte auch ein Anreiz sein, alles dafür zu tun, dass wir bei der WM 2015 in Katar wieder dabei sind.

Nach dem EM-Aus durch die Niederlage in Montenegro wurde Bundestrainer Martin Heuberger, der nicht so eine große Lobby hat wie sein Vorgänger Heiner Brand, der Weltmeistertrainer von 2007, in Frage gestellt. Was denken Sie als Spieler darüber?

Wir waren in Montenegro in der Abwehr nicht gut. Aber im Angriff waren wir nicht so schlecht. Wir haben uns die Chancen ja rausgespielt, aber viele verworfen. Dafür kann der Trainer nichts. Da müssen sich die Spieler fragen: Warum habe ich den Ball verworfen? Habe ich alles gegeben? Bin ich mit 100 Prozent Einsatz reingegangen oder habe ich leichtfertig verworfen? Diese Dinge kann ein Trainer nicht beeinflussen. Natürlich wird immer zuerst über den Trainer diskutiert. Aber man muss das Gesamtbild sehen, dass die Spieler für die Tore verantwortlich sind.

Wie sehr hat es bei der Niederlage in Montenegro eine Rolle gespielt, dass in Sven-Sören Christophersen, Steffen Fäth (beide Einriss der Patellasehne), Christian Dissinger (Kreuzbandriss), Lars Kaufmann (Knieoperation) und Michael Kraus (Abitur) fünf Spieler für halb links neben Kreisläufer Christoph Theuerkauf (Hüftoperation) und Rechtsaußen Tobias Reichmann (Sprunggelenkverletzung) gefehlt haben?

Die Position war schon ein bisschen zu schwach besetzt, weil wir so zu Stefan Kneer im linken Rückraum keine Alternative hatten. Er musste dann durchspielen. Wir müssen es hinbekommen, dass wir mit der stärksten Kapelle zu den Spielen reisen, denn die Nationalmannschaft ist das Aushängeschild des deutschen Handballs und das Zugpferd für die Bundesliga. Jetzt beschwert sich jeder, dass wir es nicht geschafft haben. Aber man muss auch nach den tiefer gehenden Gründen dafür suchen. Wenn man sieht, dass wir viele verletzte Spieler hatten, muss man sich schon fragen, wie es zu den Verletzungen kam. Die Vereine lassen die Spieler 60 Minuten durchbolzen und dann ist die Belastung zu groß und irgendwann streikt der Körper. Dann ist es auch Sache der Vereine zu sagen, wir schonen den Spieler ein bisschen, wenn er mit dem Nationalteam eine Qualifikation spielt. Wir müssen etwas ändern. Das ist Fakt.

Ist Bundestrainer Heuberger damit in einer bemitleidenswerten Rolle?

Das muss man auf jeden Fall so sehen. Seine Lobby ist auch nicht so groß wie die von Heiner Brand, wie Sie schon richtig bemerkt haben. Und so wird dann bei Misserfolgen natürlich auf Heuberger geschossen. Aber wir sind ein Team, zu dem Trainer, Mannschaft, Physiotherapeuten und die Betreuer gehören. Deshalb würde ich sagen, dass man dem Bundestrainer nicht den Schwarzen Peter zuschieben darf und mit ihm weitermachen sollte. Wir wissen aber nicht, wie es weitergeht und müssen erst die Neuwahl des Präsidiums im September abwarten.

Mit der missglückten Bewerbung für die WM 2019, die Bernhard Bauer und Bob Hanning, Kandidaten für das Amt des DHB-Präsidenten und des Vizepräsidenten Leistungssport, ohne Wissen des alten Präsidiums um Ulrich Strombach abgegeben hatten, und die nun doch gültig ist, nachdem sie zurückgezogen wurde, hat der Deutsche Handballbund nach dem EM-Aus ein peinliches i-Tüpfelchen gesetzt.

Ja, das hat natürlich nach außen sehr unglücklich gewirkt. Uns Spielern wurde nichts von der Bewerbung gesagt. Wir haben das nur aus den Medien mitbekommen.

Nach dem EM-Aus und der missglückten WM-Bewerbung hat der Fernsehsender Sport 1 die Übertragungen der Handball-Bundesliga vom traditionellen Termin am Dienstagabend auf den Mittwoch gelegt, um Spiele aus den Fußball-Regionalligen zu zeigen. Die Handballer müssen nun am Mittwochabend noch mehr gegen König Fußball, das ZDF zeigt an diesem Tag Champions League-Spiele, ankämpfen, womit die Zuschauerquoten kleiner werden dürften. Muss man sich um den deutschen Handball Sorgen machen?

Ja, normalerweiser waren wir immer die Nummer zwei hinter dem Fußball. Wir haben schon davon gezehrt, dass wir 2004 Europameister und Zweiter bei Olympia und 2007 Weltmeister wurden. Da war der Handball in aller Munde. Das geht aber nur mit Erfolgen und war auch im Januar nach dem fünften Platz bei der WM so. Durch Misserfolge kann man sehr viel verspielen. Wir müssen deshalb zusehen, dass wir mit der Nationalmannschaft wieder Erfolge haben, um den zweiten Platz hinter dem Fußball zu festigen. Wir müssen uns daher im Juni 2014 in den Play-offs auf jeden Fall für die WM in Katar qualifizieren, um die Zuschauer im Januar 2015 wieder vor den Fernseher zu locken.

Sie sind nach Kapitän Oliver Roggisch mit 32 Jahren der älteste Spieler im Nationalteam und im Tor die Nummer zwei hinter Silvio Heinevetter. Welche Rolle haben Sie in der Mannschaft inne?

Als erfahrener Spieler versuche ich wie Oliver Roggisch, die anderen Spieler zu leiten, Verantwortung zu übernehmen und die anderen Spieler, besonders die Jungen, zu unterstützen.

Wie haben Sie es in der Zeit von 2003 bis 2011 geschafft, als Nummer drei immer weiterzumachen, obwohl Sie beim EM-Sieg 2004 und dem WM-Triumph 2007 nicht zum Einsatz kamen und 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking nicht dabei waren? Sie haben die Nichtnominierungen durch Brand ja sogar gegenüber Ihrer Freundin Isabell verteidigt.

Das stimmt. Klar möchte ich spielen. Aber wenn mich Bundestrainer Heiner Brand nicht nominierte und gesagt hat, dass ich gute Leistungen gebracht habe, war das für mich immer noch ein Ansporn, noch mehr an mir zu arbeiten und noch besser zu werden. Manch anderer hätte natürlich gesagt: Ihr könnt mich mal. Meine Einsatzzeiten habe ich vorher ja bekommen, auch wenn ich dann bei den Turnieren nicht nominiert worden bin. Man darf sich aber davon nicht entmutigen lassen. Es gibt solche Typen und solche. Und ich gehöre zu den positiven, die die Gründe, wenn sie nicht dabei sind, bei sich suchen, um sich zu verbessern. Das war mein Weg bisher und ich glaube, dass ich damit auch gut gefahren bin. Ich werde den Weg weitergehen.

Würden Sie nach 127 Länderspielen und einem Tor auch weitermachen, wenn Sie zur Nummer drei im Nationaltor zurückgestuft würden?

Ja, das habe ich auch schon gesagt, als nach dem EM-Aus die Frage aufkam, ob ich zurücktreten würde. Solange mich der Bundestrainer nominiert, die Gesundheit mitmacht und die Leistung stimmt, bin ich der Letzte, der sagt, ich spiele nicht für Deutschland. Für Deutschland zu spielen, ist für mich immer eine Ehre.