SG Flensburg-Handewitt - Interview mit Flensburgs Manager Holger Kaiser - "Mit Ehrlichkeit viel Vertrauen geschaffen" - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Interview mit Flensburgs Manager Holger Kaiser

"Mit Ehrlichkeit viel Vertrauen geschaffen"

Als Holger Kaiser im Sommer zur SG Flensburg-Handewitt kam und die Nachfolge von Manager Fynn Holpert übernahm, musste er zunächst einmal eine unpopuläre Maßnahme fällen und bei den Gehältern der Spieler den Rotstift ansetzen. Seit dem hat er offensichtlich einiges richtig gemacht. Der Mann, der zwölf Jahre lang bei der Ahlener SG als Trainer und Manager in Personalunion tätig war und rund zwei Jahre den SC Magdeburg managte, darf sich über eine glänzende Hinserie seines neuen Teams freuen.
 
Die Saison läuft erstaunlich gut für die SG Flensburg-Handewitt. Haben Sie selbst damit gerechnet?
Holger Kaiser: „Das ist sensationell, und natürlich haben wir damit so nicht gerechnet. Es gibt dafür ein Paket an Gründen. Die mannschaftliche Geschlossenheit des verjüngten Teams zum Beispiel. Und die herausragende Arbeit von Trainer Per Carlen im Verbund mit Ljubomir Vranjes als Sportdirektor. Da ist Motivation, Leidenschaft und viel Herzblut. Und die Kombination aus allem hat die Dinge hier jetzt explodieren lassen.“
 
Das Erreichen der Champions League darf gegenwärtig als realistisches Ziel gelten.
„Wir haben vor der Saison unsere Ziele festgelegt. Wir wollten die Mannschaft weiterentwickeln, attraktiven Handball spielen und die Region begeistern. Zudem wollten wir Tabellenführer der normalen Mannschaften – also ohne Kiel, Hamburg und die Rhein-Neckar Löwen werden. Jetzt haben wir eine gute Hinrunde gespielt, aber die Zielsetzung bleibt dieselbe.“

Dabei war Ihr Start in Flensburg ein wenig holprig, weil Sie der Mannschaft nach einer ersten Bestandsaufnahme sofort eine Gehaltskürzung aufdrückten.
„Ich finde diese Diskussion merkwürdig. Wir haben Probleme gehabt, die absolut sporttypisch sind, und die jeden anderen Verein wohl so oder so ähnlich auch getroffen haben. Diese Probleme gab es auch schon vor meiner Zeit bei der SG. Wir sind gegenüber den Spielern und gegenüber der Öffentlichkeit offen mit diesen Dingen umgegangen, haben die Spieler um Hilfe gebeten und haben mit dieser Ehrlichkeit im Umkehrschluss viel Vertrauen geschaffen. Das könnte anderen Klubs als Blaupause dienen.“

Wie waren denn die Reaktionen der Spieler?

„Na, die haben zugestimmt. Das Ergebnis der Hinrunde zeigt doch wohl am deutlichsten, wie die Spieler damit umgegangen sind.“

Das skandinavische Prinzip der SG setzen auch Sie fort. 12 der 15 Kaderspieler kommen aus Dänemark, Schweden oder Norwegen.
„Dieser Verein hat eine Riesentradition und eine lange Liste an Erfolgen. Ich hingegen bin seit dem Sommer vergangenen Jahres hier. Und ganz ehrlich: Ich bin doch nicht so vermessen zu glauben, dass ich nach all den erfolgreichen Jahren hier alles ändern muss. Ich versuche einfach, die Arbeit meiner Vorgänger mit einigen Justierungen fortzusetzen.“

Des deutschen Bundestrainers Liebling werden Sie damit allerdings nicht. Nachdem Torge Johannsen zu TSV Hannover-Burgdorf ausgeliehen wurde, haben Sie mit Jacob Heinl nur noch einen Spieler mit deutschem Pass im Team.
„Ich habe vor Heiner Brand und seiner Arbeit absolut höchsten Respekt. Der Mann ist ein Glücksfall für den deutschen Handball. Aber die SG ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss sich den Gegebenheiten und den Entwicklungen stellen. Deshalb kann ich derzeit den Kader nicht nach den Vorstellungen des Bundestrainers zusammenstellen. Aber wir machen hier eine herausragende Jugendarbeit, deren erstes Früchtchen Jacob Heinl ist. Und ich wage die Voraussage, dass wir schon bald junge Flensburger Spieler in der Flensburger Bundesliga-Mannschaft sehen werden.“

Den Fans ist das egal. Sie identifizieren sich zu 100 Prozent mit dem Team.

„Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viele Vereine kennenlernen dürfen. Auch der SC Magdeburg – mein vorheriger Arbeitgeber – war ein sehr emotionaler Klub. Aber, was das Familiäre und was die Emotionen angeht, gibt es in der Liga kaum etwas mit Flensburg Vergleichbares. Wir haben hier allein 150 ehrenamtliche Helfer rund um den Klub.“

Die Begeisterung für die SG ist sogar grenzübergreifend. Wie viele dänische Zuschauer kommen pro Spiel?
„Die kommen busseweise. Genauer kann ich das nicht sagen. Die Anreise ist aber auch wirklich überschaubar.“

Wie lange können Sie angesichts des Sparkurses diese erfolgreiche Mannschaft zusammenhalten?
„Was für ein Sparkurs? Wir haben einmal zu Saisonbeginn die Gehälter reduziert, sonst laufen die Geschäfte völlig normal weiter. Zudem haben die Vertragsverlängerungen mit Thomas Mogensen und Michael V. Knudsen ein Signal für den Rest der Mannschaft gesetzt, dass wir hier noch Großes vorhaben. Zudem – und auch das können nicht alle Klubs sagen – zahlen wir die Gehälter unserer Spieler pünktlich.“

Immerhin steht Oscar Carlen bei einigen europäischen Spitzenklubs auf der Wunschliste ganz oben.
„Oscar hat einen Vertrag bis zum Jahr 2011, und natürlich möchten wir gern mit ihm verlängern. Klar, dass angesichts des Vorrundenverlaufes viele an unseren Spielern interessiert sind. Aber wenn ein Klub einen Spieler haben will, interessiert mich das nicht.“

Sind denn noch Verstärkungen für die Rückrunde geplant?
„ Am 15. Februar wird der Transfermarkt geschlossen. Bis dahin ist vieles möglich.

Ich frage deshalb, weil es sein könnte, dass die Sponsoren angesichts der aktuellen Entwicklung spendierfreudiger agieren.

„Sicher sind Erfolge für die Sponsoren wichtig. Und natürlich macht eine Hinrunde wie diese meine Arbeit ein wenig leichter. Aber die SG ist in dieser Region seit Jahrzehnten ein Riesenthema, sodass die meisten Sponsoren auch in sportlich weniger guten Zeiten dem Verein die Treue halten. Hier sagen die Leute viel eher „Ja” zum Thema SG, als zu schnellen sportlichen Erfolgen.“

Immerhin: Nachwuchssorgen haben Sie keine. Die B-Jugend der SG war in diesem Sommer sogar Deutscher Meister.
„Das ist in erster Linie ein Verdienst der Arbeit von Per Carlen und Ljubomir Vranjes, die sich sehr in der Jugendarbeit engagieren. Die sind nicht nur bei den Nachwuchs-Trainingseinheiten vor Ort, die machen auch Sondertrainingseinheiten mit dem Nachwuchs, wobei sie auch Spieler der Bundesligamannschaft dazu holen. Jugendarbeit bei der SG ist keineswegs ein bloßes Lippenbekenntnis. Wir wollen zeigen, dass junge Spieler eine realistische Chance haben, schon bald für die SG in der Bundesliga aufzulaufen. Und wir haben zahlreiche Talente, wozu auch unser Förderverein „Get in touch” beigetragen hat. Zweck dieses Vereines ist die langfristige Förderung des Handballnachwuchses im nördlichen Schleswig-Holstein mit dem Ziel, bei der Jugend Begeisterung für den aktiven Handballsport zu erreichen, die sportliche Ausbildung zu fördern, um damit auch Nachwuchs für die Bundesligamannschaft der SG und weiterer Leistungsmannschaften der Region heranzuziehen.“

Tolle Perspektiven, die sich der SG bieten. Was passiert, wenn Sie jetzt auch noch die Champions League erreichen?
„Dann spielen wir Champions League. Insgesamt bedeutet das lediglich mehr Spiele für die Mannschaft und mehr Arbeit für meine Mitarbeiter. Ich will so weit nicht denken. Für uns ist es wichtig, eine gute Rückrunde zu spielen und die Mannschaft weiter zu stabilisieren.“