SG Flensburg-Handewitt - Muratovic kämpft um seine Karriere - Trotz mehr als einem Jahr Zwangspause will Flensburgs Rückraumstar nicht aufgeben - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Muratovic kämpft um seine Karriere

Trotz mehr als einem Jahr Zwangspause will Flensburgs Rückraumstar nicht aufgeben

Alen Muratovic ist nach einem Jahr nicht mehr sprachlos in seiner Flensburger Wahlheimat. Er braucht keinen Dolmetscher und auch nicht Hände und Füße, um sich auszudrücken. Die Worte, die Dramatik seines Sportlerschicksals zu beschreiben, fehlen ihm dennoch. "Es war ein schlechter Moment", sagt der filigrane Mann mit sanfter Stimme, lächelt dazu jungenhaft und das alles passt nicht zu der Situation, in der er seit sieben Monaten lebt. Im nächsten Moment blickt er ernst und schüttelt den Kopf: "Und das in einem Freundschaftsspiel." Da passt es wieder.

Es ist der 16. Januar 2009. Alen Muratovic, der seinerzeit teuerste Bundesliga-Handballer, für 700000 Euro aus Valladolid gekommen, spielt mit der SG Flensburg-Handewitt beim Zweitligisten Post Schwerin. In der 10. Minute versucht der 29-jährige Halblinke einen Durchbruch durch die Deckung der Gastgeber. Im Moment des Wurfs bleibt er hängen, bekommt einen Schlag auf die rechte Schulter und dann ist für den Nationalspieler aus Montenegro nichts mehr wie zuvor in seinen zehn Jahren als Profi.


Diagnose: Totalschaden

Das Großgelenk des Wurfarms ist ausgekugelt. Muratovic kommt ins Schweriner Klinikum, wo die Schulter gerichtet wird. Das ganze Ausmaß des Unglücks zeigt sich erst 13 Tage später, als er in Hamburg operiert wird. Drastischer als medizinische Begriffe drückt ein Wort des Operateurs aus, was Muratovic in dem schlechten Moment in Schwerin ereilt hat: "Totalschaden."

Bandausrisse, Knorpelschaden, fast alle Strukturen im Gelenk sind zerstört. "Es ist die schwerste Verletzung, die einem Handballer passieren kann", sagt SG-Mannschaftsarzt Prof. Dr. Hauke Mommsen. Sie geht weit über das Physische hinaus. "An der Schulter hängt schließlich ein ganzer Mensch", sagt der Mediziner mit Blick auf die Ängste und die Sorgen um die Karriere, die Muratovic nun umtreiben.Der Patient braucht Tage, Wochen, um seine Situation vollends zu erfassen. "Ich war noch nie verletzt. Es war schwer, damit im Kopf fertig zu werden", sagt Muratovic, "jetzt geht es etwas besser. Leider ist es nicht das Knie, sondern die Schulter."

Ein, zwei Monate kann er kaum schlafen wegen der Schmerzen. Mit dem in Verbänden fixierten Gelenk werden alltägliche Verrichtungen zur Last. Anziehen, Körperpflege, Kochen bereiten größte Mühen. Muratovic lebt wieder als Single, die Verlobte ist nach Spanien zurückgegangen. "Freunde haben mir geholfen in dieser Zeit", sagt Muratovic. Auch die SG habe ihn nach Kräften unterstützt, der Kontakt zu den Kameraden sei nie abgerissen. "Ljubomir Vranjes ist oft gekommen zum Reden", erzählt der Montenegriner, der selbst gelegentlich das Training besucht. Zu den Spielen in der Campushalle geht er nur noch drei oder vier Mal. "Das war zu schwer, das habe ich nicht ausgehalten."

Im Frühjahr pendelt Muratovic zwischen Montenegro und Flensburg. Er bekommt Urlaub, soll in der Heimat Mut schöpfen. "Meine Mutter hat für mich gekocht, meine Familie hat mich sehr unterstützt", erzählt Muratovic. Allmählich wird der Kopf frei, Zuversicht stellt sich ein. "Ich muss ja weiter leben", sagt Muratovic. Wenigstens die wirtschaftliche Existenz ist vorerst gesichert. Berufsgenossenschaft und eine Versicherung bestreiten sein Einkommen.


Im Alltag keine Schmerzen

Eine zweite Operation im Juni ist kein Rückschlag, sondern dient der Kontrolle. Die Rehabilitation verlaufe regelgerecht, sagt Dr. Mommsen. "Es ist okay jetzt. Im Alltag habe ich keine Schmerzen mehr", sagt Muratovic, "aber ich habe noch keine Kraft im Arm." Er hebt ihn bis knapp unter Schulterhöhe, "soweit komme ich jetzt". Eine Ausholbewegung kann er nicht einmal andeuten. Er lächelt wieder, er benutzt oft das Wort "okay", er will kein Problem sein. Glücklich ist er nicht.

Aber seine Tage haben wieder Struktur. Drei Stunden arbeitet Muratovic täglich mit dem Physiotherapeuten Andreas Mau und für sich allein im Fitnessstudio für die vage Hoffnung, doch noch zeigen zu dürfen, was er wirklich kann. Schon die ersten Monate in Flensburg waren schwierig. Der als Nachfolger des wurfgewaltigen Blazenko Lackovic verpflichtete Muratovic kämpfte mit Sprachproblemen, mit der Gewöhnung an den Dauerstress der Bundesliga, mit extremen eigenen und äußeren Erwartungen. Das alles in einer Mannschaft, die nicht in Tritt kam. Bald haftete dem Star aus Montenegro das Etikett des Fehleinkaufs an. Gerade, als er nach dem Trainerwechsel von Kent-Harry Andersson zu Per Carlén eine neue Perspektive für sich sah, kam der Moment in Schwerin."Ich schaue nicht mehr zurück, nur nach vorn", sagt er leise und er weiß, dass er weit blicken muss. "Das Ziel lautet für Sportler und Verein: Rückkehr in den Wettkampf", sagt Teamarzt Mommsen, "das ist legitim und bei optimalen Verlauf auch möglich."


"Ich bin Optimist"

Ob es sinnvoll ist, dieses Risiko einzugehen, steht auf einem anderen Blatt. Muratovic gehört zum Kader der SG für die neue Saison, er ist auf dem Mannschaftsfoto, er bekommt Autogrammkarten. "Das ist eine Selbstverständlichkeit", sagt SG-Manager Holger Kaiser. Spielen wird Muratovic in dieser Saison nicht. Die Rekonvaleszenz wird 9 bis 15 Monate dauern, Prognose ungewiss. "Von der Rückkehr in den Sport bis zu Sportinvalidität ist alles möglich. Letzteres ist zur Zeit kein Thema und nicht beurteilbar", sagt Dr. Mommsen.

"Ich bin Optimist. Ich gebe nicht auf. Ich muss alles probieren. Dann müssen wir warten, was für den Verein und für mich das Beste ist. Es wird nicht meine Entscheidung sein", sagt Muratovic. Am Ende wird sein Körper für ihn entscheiden.