Auszeit: Interview mit Leverkusens Trainer Renate Wolf - Die Wolf zeigt die Zähne - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Auszeit: Interview mit Leverkusens Trainer Renate Wolf

Die Wolf zeigt die Zähne

96 Länderspiele, neun Deutsche Meisterschaften, noch einmal genauso viele nationale und internationale Pokalerfolge. Renate Wolf (52) ist längst eine Institution im deutschen Handball. Denn sie lässt nicht nur Fakten für sich sprechen. Sie hat auch etwas zu sagen. Sie polarisiert. Im 14. Jahr Trainerin bei Bayer Leverkusen, ist Wolf absolute Insiderin des Frauenhandballs.

>Frau Wolf, unlängst haben Ihre „Elfen“ ausgerechnet bei der Meisterschaftsfinal-Revanche in eigener Halle gegen Leipzig eine Niederlage einstecken müssen. Aber so richtig geärgert haben Sie sich gar nicht ...
Renate Wolf: „Wir hätten gegen Leipzig ein Zeichen setzen können, haben aber einfach nicht gut gespielt an diesem Abend – insofern hat mich die Niederlage schon geärgert. Aber schon am nächsten Tag habe ich das Spiel relativiert. Es war zu verschmerzen, geschah ja „nur“ in der Hauptrunde. Der jetzige Modus führt doch dazu, dass die Hauptrunde in ziemliches Rumgeplänkel ausarten kann. Hätten wir nur eine klassische Meisterrunde, wäre das Leipzig-Spiel ein herber Rückschlag. Aber so? Die Hauptrunde ist eine Platzierungsrunde, aus der acht Teams weitergehen. Sarkastisch gesagt, brauchen wir jetzt nur noch ein paar Punkte und dann kann ich anfangen, als Trainerin zu taktieren. Ich finde diesen Modus kurios.“

> Aber dieser Modus wurde doch letztlich von der ganzen Liga verabschiedet ...
„Ich muss zunächst mal sagen, dass ich bei dieser Abstimmung nicht dabei war. Aber auf Basis des gestellten Antrages im Vorfeld des Staffeltages, die Liga auf 14 Mannschaften aufzustocken, haben wir schon unseren Vertreter entsprechend unserer Haltung gebrieft. Dass letztlich ein Play-Off-Modus in dieser Form dabei herauskam, lässt mich annehmen, dass viele andere Vereine sich nicht wirklich Gedanken darüber gemacht haben, welche Auswirkungen dieser Beschluss hat.“

> Welche, außer einem gewissen Spannungsabfall in der Hauptrunde?
„Fehlende Spannung ist ja nun an sich schon keine Kleinigkeit! Wir haben 22 Spiele in der Hauptrunde, die eine untergeordnete Wertigkeit bekommen. Eine mittelmäßige Leistung über ein halbes Jahr Hauptrunde reicht, Play-Offs spielen zu können. Andererseits können Mannschaften mit bis dahin guter und konstanter Leistung im K.o.-Modus dann aufgrund von Verletzungen, etwas Pech, Tagesform oder einer Kurzkrise ausscheiden – wegen einem verkorksten Spiel womöglich. Diese Gegensätze, dass ein Abstiegskandidat als Achter noch aufspringt und zwei Wochen später um die Deutsche Meisterschaft spielt, sind ein wesentlicher Kritikpunkt für mich. Mehr noch: Sie sind eine Farce.“

> Sie sprachen von der Gefahr der Wettbewerbsverzerrung ...
„Theoretisch werden Schiebung Tür und Tor geöffnet. Wer zum Beispiel frühzeitig qualifiziert ist, kann es ja locker angehen, sein Stammpersonal schonen und nur noch mit dem Nachwuchs antreten. Zudem kann plötzlich Sympathie und Antipathie für andere Mannschaften eine Rolle spielen. Nach dem Motto: Gegen die häng’ ich mich noch mal voll rein – gegen die dagegen schenk ich ab, ich hab ja genügend Punkte. Ich sage nur: Möglich wäre das. Und das missfällt mir.“

> Und wie steht es mit dem Timing der Play-Off-Runde?
„Das ist das nächste Problem. Zu der Zeit nämlich ist der Terminkalender derart voll, dass wir nur noch durch englische Wochen gejagt werden und die wichtigsten Spiele der Saison, die um die Deutsche Meisterschaft, im Schnellverfahren abhandeln – parallel zum Europapokal oder dem DHB-Pokal plus Nationalmannschafts-Maßnahmen bei A- und Juniorenteams. Dann spielst du mittwochs, samstags, mittwochs, sonntags. Pausen gibt es nicht mehr – und das ausgerechnet in der Phase, wo du topfit sein und Topleistungen abrufen sollst. Dieser Modus wird in jedem Fall auf dem Rücken der Spielerinnen ausgetragen, weil die Belastung in dieser Phase der Saison viel zu hoch ist. Sie dürfen nicht vergessen, unsere Handballerinnen hierzulande müssen sich parallel zu ihrem Sport – auch bzw. vor allem auf diesem hohen Niveau –eine Existenz für die Zeit danach aufbauen. Die müssen bei dieser Terminhatz erst einmal sehen, wie sie das zeitlich überhaupt alles stemmen.“

> Werden auch die Finalspiele denn zwangsläufig durch diesen Modus abgewertet?
„Es gibt zwar erfreuliche Gegenbeispiele. Aber: Sicher besteht die Gefahr, dass die Attraktivität dieser Spiele unter den geschilderten Umständen leidet. Da es in der Phase, in der auch mal die Medien etwas häufiger hinschauen, auch um die Außendarstellung geht. Und dann sollten die besten Teams den besten Handball spielen können.“

> Sind Sie nicht eine ziemlich einsame Kritikerin? Viele fanden oder finden doch diesen Modus okay ...
„Ich denke, dass die absoluten Spitzenmannschaften, allen voran Leipzig – die haben als Meister und Champions League-Teilnehmer derzeit sogar ein noch höheres Pensum zu absolvieren –, meine Bedenken teilen. Zu unserem von Ihnen erwähnten Spiel gegen den HC kamen übrigens alle Nationalspielerinnen erst am späten Montag von der EM-Qualifikation zurück, um am Mittwoch ein Spitzenspiel zu bestreiten. Der HC und wir hatten einen Tag Zeit für die Vorbereitung. Und Leipzig musste auch noch anreisen – das kann nicht sein.“

Lesen Sie im zweiten Teil der Auszeit, was Renate Wolf von den Play-offs hält