Dritter Teil der Auszeit mit Leverkusens Trainerin Renate Wolf - Es geht um mehr als Nacktheit - Handball - Bundesliga - Artikel - Handballwoche
Dritter Teil der Auszeit mit Leverkusens Trainerin Renate Wolf

Es geht um mehr als Nacktheit

> Stichwort duales System ...
„Genau. Nur: Das duale System ist eben im deutschen Frauenhandball nicht sehr verbreitet. Wir in Leverkusen haben es – und wir werben ja auch damit gegenüber den Spielerinnen. Wir sagen: Wir haben nicht nur Top-Trainingsmöglichleiten und eine nahezu einzigartige Infrastruktur beim TSV Bayer 04, wir schaffen vor allem auch Bedingungen, Ausbildung und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen, weil wir es von unseren Neuzugängen erwarten, dass sie sich etwas neben dem Sport aufbauen. Ich sehe uns in der sozialen Verantwortung den Spielerinnen gegenüber, dazu gehört auch ihre Zukunft. Noch einmal, weil das ein wichtiger Aspekt ist: Sie können nicht erst jenseits der 30 anfangen, sich diesbezüglich von null ausgehend zu orientieren, zumal sie ja vorher mit ihrem Sport nicht genug verdient haben, um darauf später eigenständig eine berufliche Laufbahn, ein Leben aufzubauen. Das ist im Männerhandball schon alles etwas anders, aber kein reines Handball-Phänomen., sondern ein generelles Problem: Die meisten Frauenmannschaftssportarten hinken stark hinter den Männern her.“

> Sie fristen – außer den Fußballerinnen – ein Mauerblümchendasein. Warum eigentlich?
„Ich meine grundsätzlich, dass es in Deutschland immer noch veraltete Denkstrukturen gibt: Kinder, Kirche, Küche. Und dass man hier als Frau – anders als mittlerweile in Skandinavien – gesellschaftlich noch immer um Gleichberechtigung kämpfen muss. Es wird uns kurzfristig nicht gelingen, dieses Gesellschaftsbild so massiv zu verändern. Wenn man nur mal bedenkt, wie lange Gerhard Schröder brauchte, um zu kapieren, dass er von einer Frau, von Angie Merkel, geschlagen wurde. Und was die sich als Frau alles hat bieten lassen müssen. Das sagt doch eigentlich alles. Auf Sport bezogen: Deutschland ist ein Fußballland. Der Handball hat durch den Erfolg der Männer, allen voran Heiner Brands Rolle dabei, immerhin ein wenig aufgeholt – und auch wir haben dadurch ein wenig profitiert. Aber: Es gab Zeiten, da wurden Fußball spielende Frauen viel mehr belächelt als wir Handballerinnen. Nur der DFB hat es geschafft, aus seiner Frauen-Nationalmannschaft eine eigene Marke zu machen und sie in der Öffentlichkeit zu platzieren. Ich finde das bewundernswert, denn ihre Liga ist ja auch nicht besser dran und mehr im Fernsehen als wir es sind. Es ist die DFB-Auswahl, die so populär ist, weil sie eine Marke ist, weil die Mädels natürlich auch sehr erfolgreich sind – und von Präsident Theo Zwanziger sehr stark gefördert werden, was mir höchsten Respekt abverlangt.“

> Gibt es wenigstens Hoffnung für mögliche Änderungen im Handball?
„Ich würde mir wünschen, dass der DHB es wie der DFB sich zur Aufgabe machen und es schaffen würde, den Frauen in der Vermarktung ein eigenes Gesicht, eine gewisse Wertigkeit zu geben, sie zu positionieren – auch im Fernsehen – und entsprechende Förderungen freizuschaufeln. Ich weiß, das ist sehr schwer, fast unrealistisch. Vor allem, wenn man dann bei sportpolitischen Highlights wie Olympia kläglich versagt. Sportlicher Erfolg ist letztlich Grundvoraussetzung für alles.“

> Mehr Medienpräsenz erfordert aber auch mehr Stars, Gesichter  – und bei Frauen oftmals auch nackte Haut ...
„Ja, ja. Wenn ich eine Platzierung in einem wichtigen Medium haben möchte, bedeutet das bei uns immer nur ausziehen. Ich kann das nicht mehr hören. Das ist mal eine Zeit lang eine witzige Idee gewesen, aber aus meiner Sicht nun durch. Es geht um viel mehr. Um Nachhaltigkeit, Authentizität und Leistung. Auch, nein: gerade das ist attraktiv! Und diesbezüglich haben wir  eine Menge zu bieten.“

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