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DHB in der Bredouille

Löcher im Dopingtest-System

Der Handballbund ist in der Bredouille, die Anti-Doping-Agentur plädiert für unabhängige Kontrollfirmen. Der spektakuläre Betrugsversuch von Kontrolleuren bei Doping-Tests im Frauen-Handball hat Löcher im System offenbart und zahlreiche Fragen aufgeworfen.

«Hier geht es um reinen Betrug, mit Doping hat das aber nichts zu tun», bestätigte der Mannheimer Oberstaatsanwalt Jochen Seiler am Montag die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma Serco Control wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Sie sollen bei zwei Spielen beauftragte und abgerechnete Proben mit eigenem Urin gefüllt und dafür jeweils 434 Euro abgerechnet haben. Die Mannheimer Firma war am Montag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Beide Verdächtigen haben sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Der Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur, Armin Baumert, hat jegliche Verantwortung der NADA in dem Fall abgelehnt. Baumert appellierte zugleich an die deutschen Sportverbände, sich unabhängigen Kontroll-Instanzen zu unterwerfen. «Hier ist ein Verband in die Bredouille geraten, weil er sich selbst Partner aus der privaten Wirtschaft gesucht hat. Für den DHB ist es der 'worst case' - er muss nun seine Schlussfolgerungen ziehen», fügte Baumert hinzu.

Die NADA arbeitet seit ihrer Gründung mit der unabhängigen Firma PWC (Physical Work Control) GmbH zusammen, der DHB beauftragte mit den Kontrollen in der Frauen-Bundesliga aber die Firma Serco. «Natürlich bietet der freie Markt solche Möglichkeiten der Manipulation, im Einzelfall wird das kaum zu verhindern sein», erklärte Baumert. «Natürlich belastet so etwas das Image des Anti- Doping-Kampfes. Aber die Glaubwürdigkeit des Kampfes ist natürlich auch abhängig von der Integrität aller Beteiligten», ergänzte er. In der Männer-Bundesliga werden im Gegensatz zu den Frauen seit 2009 die Kontrollen von PWC durchgeführt.

Der DHB fordert von Serco nun 6000 Euro Regress. Das bestätigte Heinz Winden, der Vizepräsident Recht und Antidopingbeauftragte des Verbandes. Der Verband will die ihm entstandenen Kosten für Reisen, Honorare, Proben und DNA-Analysen zurück. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorfalls hatte der DHB am 29. Januar 2010 die zuständigen Gremien des Welt-Verbandes IHF, des europäischen Verbandes EHF, die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und die NADA schriftlich über den Sachverhalt informiert. Zuvor war der DHB selbst aktiv geworden, nachdem das Dopingkontrolllabor Köln ihn über auffällige Proben in Kenntnis gesetzt hatte. Der DHB nimmt für sich in Anspruch, Druck auf die Firma ausgeübt zu haben, bis die betroffenen Mitarbeiter geständig waren.

«Wir haben daraufhin die Zusammenarbeit mit der Firma Serco gekündigt und unser Kontrollsystem geändert. Wir setzen jetzt auf namentlich bekannte externe Kontrolleure», erklärte Winden. Alle Tests sollen von zwei Kontrolleuren durchgeführt werden, bemerkte er.

Spekulationen, wonach ähnliche Fälle der Manipulation auch in anderen Verbänden vorgekommen sein könnten, lehnt die NADA strikt ab. «Weitere Fälle dieser Art sind bisher durch keinerlei Erkenntnisse zu stützen», betonte NADA-Sprecher Berthold Mertes. «Wir haben ein internes Controlling, das wir zur Qualitätssicherung mit PWC durchführen.» Nach dpa-Informationen hatte die NADA in der Vergangenheit einen Kontrolleur abgelöst, weil er nicht die vertraglich an PWC gestellten Anforderungen erfüllte.

Vehement wehrt sich Christa Thiel, Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes, gegen die ARD-Behauptung, auch im Schwimmen habe es Kontrollen durch Serco gegeben. «Der DSV hat niemals die Firma Serco Control beschäftigt», sagte Thiel.

Betroffen vom Betrugsfall sollen das Frauen-Pokalspiel FSV Mainz gegen DJK/MJC Trier am 9. Januar 2010 sowie die Zweitliga-Partie TuS Metzingen gegen die HSG Bad Wildungen (12. Dezember 2009) sein. Die beiden betroffenen Mitarbeiter, ein 1978 geborener Mann und eine zwei Jahre ältere Frau, sollten im DHB-Auftrag die Proben nehmen. «Der Vorwurf lautet, dass die beiden nie zu den Spielen gefahren sind, und die Proben niemals abgenommen haben», sagte Oberstaatsanwalt Seiler.

Stattdessen soll die Kontrolleurin selbst acht Proben auf der heimischen Toilette abgefüllt und an das Kölner Institut für Biochemie geschickt haben. «DNA-Proben ergaben, dass ein und die selbe Person die Proben abgegeben hat», sagte Seiler. Die Frau soll außerdem die Unterschriften der Spielerinnen gefälscht haben.

«Der Betrug fiel zuerst nicht auf, da, wie üblich, keines der beteiligten Teams von der Kontrolle wusste», hieß es in einer Erklärung des Trierer Vereins. Nach dem 30:18-Sieg der «Miezen» hätten die damaligen Spielerinnen Nadja Nadgornaja und Steffi Egger zur Kontrolle antreten müssen. «Wir wussten nichts von der Kontrolle und haben uns so auch nicht gewundert, dass keine solche stattfand», erklärte Jürgen Brech vom MJC-Management. «Erst als der Schwindel im Labor aufflog, hat man uns informiert.»