Draculas erfolgreiche Erben - Rumänien ist bei der Frauen-WM in China nicht nur wegen des Erfolgs beim World-Cup einer der Favoriten - Handball - Weltspiegel - Artikel - Handballwoche
Draculas erfolgreiche Erben

Rumänien ist bei der Frauen-WM in China nicht nur wegen des Erfolgs beim World-Cup einer der Favoriten

Der große Star hat zwar abgedankt, aber als Mannschaft sind die "Karpaten-Katzen" gewachsen - daher wird Rumänien von vielen Experten als einer der Favoriten bei der Frauen-Weltmeisterschaft in China eingeschätzt. Mit den Olympischen Spielen endete die lange und erfolgreiche Ära von Torhüterinnen-Legende Luminita Dinu. Aber auch ohne ihr "Denkmal" greifen die Rumäninnen nun bei der WM 2009 nach dem Titel. Eine erste Duftmarke setzte das Team des neuen Trainers Radu Voina beim World Cup in Dänemark. Erst erteilten sie Deutschland im Halbfinale so etwas wie eine Lehrstunde (30:24), dann dominierten sie über 40 Minuten lang Olympiasieger Norwegen - am Ende war das Resultat von 28:27 knapper als der Spielverlauf.

Der große Vorteil gegenüber anderen Top-Nationen, die sich im Umbruch befinden, ist, dass der Großteil der Mannschaft zusammen geblieben ist, und die Topspielerinnen im "besten Alter" sind. Wie zum Beispiel Carmen Amariei (früher Lungu), eine der besten Abwehrspielerinnen der Welt und nun nach einem Intermezzo in Brasov wieder bei ihrer Lieblingstrainerin Anja Andersen beim FC Kopenhagen gelandet. Sie ist aber die Ausnahme - fast alle Nationalspielerinnen laufen für den rumänischen Serienmeister Valcea auf, dessen Trainer ebenfalls Voina ist. Der sieht das als zweischneidiges Schwert: "Vielleicht ist es ein Vorteil, weil zwölf Nationalspielerinnen bei Valcea unter Vertrag sind. Vielleicht ist es auch ein Nachteil, weil ich sie und sie mich jeden Tag sehen. Am Ende werden es die Resultate in China zeigen", sagt der 59-Jährige, der als Spieler 1974 Weltmeister wurde und drei Olympiamedaillen sein Eigen nennt. Er folgte nach Peking auf den ebenso erfolgreichen wie umstrittenen Gheorghe Tadici und führte Rumänien bei der EM 2008 in Mazedonien auf Platz fünf.

Voinas Verdienst ist, die schlechte Stimmung, die unter Tadici herrschte, vertrieben zu haben. Viele Spielerinnen hatten dem Verband noch in Peking ultimativ aufgefordert, sich von Tadici zu trennen, sonst würden sie aufhören. Nun herrscht eitel Sonnenschein - und die Rumäninnen glänzen vor allem durch hohes Tempo sowie schnelle Außen und verfügen zudem über eines der größten Talente im Welthandball: Christina Neagu (21). "Wenn sie ihren Weg so fortsetzt wie bisher, wird Christina eine der besten Spielerinnen der Welt. Sie ist noch sehr jung, hat sich aber hervorragend entwickelt. Schon jetzt führt sie im Nationalteam die noch jüngeren Spielerinnen, sie wird die Chefin unserer Mannschaft werden", lobt Voina die Rückraumspielerin.

Grundsätzlich sieht er seine Mannschaft nicht als Top-Favoriten in China an, aber als Medaillenkandidat: "Wir haben zwar fast die gleiche Mannschaft wie bei den vorherigen Großereignissen, aber ich weiß nicht, ob wir deswegen auch WM-Favorit sind. Wir wollen eine tolle Leistung abliefern, aber wir können im Vorfeld nicht sagen, ob es reicht, um ins Halbfinale oder das Endspiel einzuziehen." Ganz klar hat Voina nämlich auch die Schwächen seines Teams erkannt, die auch von anderen Trainern wie Russlands Jewgeny Trefilow als Malus gesehen wird: Die fehlende Konstanz. "Einen Tag spielen wir Weltklasse, am nächsten katastrophal, das müssen wir abstellen", fordert Voina, der neben Norwegen und Russland auch Deutschland zu den Medaillenkandidaten zählt.


Coup bei der WM 2007

Bei der WM 2007 hatten Nadine Krause & Co. in einem packenden "kleinen Finale" den Rumäninnen nach Verlängerung die Bronzemedaille weggeschnappt. Als weiteren Nachteil sieht Voina die schwache Konkurrenz im Land, nachdem Valceas Hauptrivale Brasov aus finanziellen Gründen alle Topstars ziehen lassen musste. Aber dennoch ist Voina optimistisch im Land von Draculas Erben: "Für viele Spielerinnen ist es vielleicht das letzte große Turnier. Deswegen ist der Ehrgeiz sehr groß, etwas in China zu reißen."