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Bundestrainer Heine Jensen spricht Klartext

Schlechtes Team-Zeugnis

Keine Athletik, keine Ballbehandlung, kein Selbstvertrauen: Bundestrainer Heine Jensen hat den deutschen Handball-Frauen vor dem entscheidenden Vorrundenspiel gegen Angola ein schlechtes WM-Zeugnis ausgestellt.

«Die Basissachen stimmen einfach nicht, hier reden wir über Nationalspielerinnen, die eigentlich die Besten der Besten sein sollen», sagte Jensen nach dem 20:26 gegen Island.

Nach der zweiten Niederlage im vierten Spiel braucht die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) zum Abschluss der Gruppenphase am Freitag gegen Afrikameister Angola einen Sieg zum sicheren Erreichen der K.o.-Runde bei der Handball-WM in Brasilien. «Da müssen wir mit Selbstbewusstsein rangehen, denn wir sitzen schon fast im Flieger nach Deutschland», sagte der dänische Coach, der mit seinem Rundumschlag das Team wachrütteln will.

«Wir haben große Arbeit vor uns, ich hatte gehofft, dass wir schon weiter in unserer Entwicklung waren. Wir haben gemeinsam einen Riesenjob zu tun, um den deutschen Frauenhandball voran zu bringen. Ich bin im Moment der Hauptverantwortliche und ich übernehme die Verantwortung für das, was in den Spielen in Brasilien passiert ist», sagte Jensen, der einigen seiner Spielerinnen «Angst» attestiert. «Ich muss die Typen finden, die mit dem Druck umgehen können», meinte der Coach, der im Vorfeld der WM einige personelle Veränderungen vorgenommen hatte.

Warum er nach dem Klasse-Turnierauftakt mit dem Sieg gegen Norwegen die Euphorie und das daraus gestärkte Selbstbewusstsein nicht mit in die anderen Spiele nehmen konnte, bleibt sein Geheimnis. Immerhin lief die Vorbereitung gegen Weltklasseteams auch fast optimal. Ein neuer, positiver Geist im Team war entstanden, alle lobten die Arbeit des immer nur optimistisch vorangehenden Dänen, der nun sein erstes großes Turnier als Bundestrainer erlebt. «Wir erlauben uns in allen Spielen diese Hänger, dabei hätten wir nach dem tollen Auftaktspiel gegen Frankreich mit viel mehr Selbstbewusstsein agieren können», sagte Torhüterin Clara Woltering.

Daher kommen die pessimistischen Stimmen nach all den Wechselspielchen auf dem Parkett überraschend. «Wir sehen leider auch, dass das alles eine athletische Frage ist. Das betrifft nicht nur ein oder zwei Spielerinnen, sondern leider fast die ganze Mannschaft. Auch unser Umgang mit dem Ball muss deutlich verbessert werden. Kaum eine Spielerin ist in der Lage, direkt zum Tor zu gehen. Wir spielen nur quer», kritisierte Jensen und betonte: «Der Wille ist da, man traut sich aber nicht. Der letzte Biss fehlt.» Deutschlands derzeit beste Werferin, Franziska Mietzner, analysierte: «Wenn uns im Angriff Dinge misslingen, nehmen wir das mit in die Abwehr.»

Jensen fordert, dass sich die Spielerinnen mit dieser Situation auseinandersetzen. «Sie müssen der Realität in die Augen schauen, knallhart arbeiten», haderte er mit den zuletzt gezeigten Leistungen bei der 20:26-Niederlage gegen Island und der katastrophalen ersten Halbzeit (7:12) gegen China, obwohl es da noch zum glücklichen 23:22-Sieg reichte. Im Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Angola gilt es nun, die letzten Reserven zu mobilisieren. Sollte die deutsche Mannschaft verlieren, geht das Turnier für sie im Presidents-Cup weiter, in dem die Plätze 17 bis 24 ausgespielt werden. Das Thema Olympia hätte sich dann in jedem Fall erledigt.