Exklusiv-Interview mit Bogdan Wenta - „Ich bin neidisch auf den HSV und die Löwen“ - Handball - Weltspiegel - Artikel - Handballwoche
Exklusiv-Interview mit Bogdan Wenta

„Ich bin neidisch auf den HSV und die Löwen“

Er ist eine der schillernsten Figuren in der Handballwelt. Bogdan Wenta (49). Als Vereinstrainer von KS Vive Kielce und der polnischen Nationalmannschaft hat er demnächst wieder viele Berührungspunkte mit deutschen Teams. Im Camp Reinsehlen in Schneverdingen unterhielt sich HW-Mitarbeiter Jörg Hagemann am Rande des Heide-Cups mit Wenta.  


Sind Sie zufrieden, dass Sie beim Heide-Cup den Löwen aus dem Weg gegangen sind? Immerhin gibt es in drei Wochen beim Wildcard-Turnier ja ein Wiedersehen.
Bogdan Wenta: An diese Konfrontation denke ich noch nicht. Unser erster Gegner heißt Valladolid – auch eine starke Mannschaft. Die haben dem HSV im vergangenen Jahr schwer zugesetzt. Wenn ich aktuell an die Löwen denke, dann denke ich an Bjarte Myrhol. Ich habe vor einigen Jahren in Flensburg ähnliches mit Christian Berge erlebt. Myrhol ist ein riesen Kämpfer. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er wieder gesund wird.

Wo sehen Sie KS Kielce zum jetzigen Zeitpunkt?
Wir haben bislang nur gegen sechs Gegner aus Polen gespielt. Das hier beim Heide-Cup ist ein ganz anderes Niveau. Das 21:27 gegen HSV war die erste echte Prüfung. Eine super Trainingsmöglichkeit, die uns zeigt, was wir noch lernen müssen.

Dzomba hat den Verein verlassen. Dafür sind prominente Namen dazu gekommen. Ist Ihre Mannschaft stärker geworden?
Das hoffe ich. Szmal und Tkaczyk kennen unsere Liga. Olafsson und Buntic verfügen über internationale Erfahrung. Das alles müsste die Integration einfacher machen. Dazu kommt mit Tomczak noch ein Nachwuchsmann. Vom Papier her sind wir stärker. Aber Namen machen noch keine großen Spieler oder eine Mannschaft. Momentan bin ich mit der Entwicklung sehr zufrieden. Doch man denkt immer an den X-Day.

Sprich das Wildcard-Turnier. Wie ist die Resonanz darauf in Polen?
Die Halle wird voll sein. In der Champions League hatten wir im Schnitt 5000 Besucher, in der Liga sind es 3500 Zuschauer. Doch unsere Leute sind verwöhnt. Der Club hat sich gut entwickelt. Jetzt stecken wir in einer Phase, wo der Hunger zu groß ist. Dabei vergessen viele, dass der Tisch schon gut gedeckt ist. Die Entwicklung ist eben sehr schnell gegangen. Mein alter Verein aus Danzig war der letzte polnische Club, der im Landesmeisterfinale gestanden hat. Doch das ist über 25 Jahre her. Manchmal fehlt mir bei uns einfach der Respekt.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Sie in die Qualifikation müssen. In der Meisterschaft lagen Sie doch lange Zeit klar auf Titelkurs?
Wir haben 50, 60 Partien in Folge gewonnen und zweieinhalb Jahre lang kein Spiel verloren. Da geht der tägliche Hunger etwas verloren. In den Play-offs fehlte uns die Linie. Auch einige Verletzungen haben uns in die Niederlage gegen Wisla Plock getrieben, was aber keine Ausrede ist. Immerhin ist der Druck jetzt auf der anderen Seite.

Hat es danach auch Kritik an Ihnen gegeben?
Als Trainer spürt man immer Druck. Ich sehe die Sache sehr emotional. Es wäre interessant, wenn wir mal einen europäischen Titel holen würden. Das hätte einen riesigen Wert. Schauen Sie: Kennen Sie den luxemburgischen Meister? Dabei sind die bestimmt schon 20mal in Folge Meister geworden. Mein Ziel ist es, Kielce unter den Top 16 in Europa zu platzieren. Viele halten das für zu wenig. Doch man darf nicht vergessen: Es geht nicht einfach, indem man die Ellenbogen nimmt und sich den Weg frei boxt. In Polen leben wir auf einer Insel, wo wir die Besten sind. Wenn der niedrigste Sieg mit 12 Toren ausfällt, dann wird man leicht blind. Klar können wir uns auf die Champions League konzentrieren. Dabei ist aber der psychische Faktor nicht zu unterschätzen. Ich bin ehrlich neidisch auf den HSV oder die Löwen. Die haben jede Woche hochklassige Gegner und im täglichen Training werden die Spieler täglich mit Spitzenklasse konfrontiert.

Also muss sich auch die polnische Liga entwickeln?
Ich will nicht ungerecht sein. Es hat sich schon einiges getan. Die Zuschauerzahlen sind gestiegen und zwei, drei Spiele werden pro Woche im Fernsehen übertragen. Beim Marketing müssen wir noch zulegen. Doch da läuft alles über den Verband. In der Liga spielen wir mit zwölf Vereinen. Hier müssen wir über unser System nachdenken. Kaum ein anderes Land spielt mit Play-off. Ich halte das Ziel Top 16 in Europa für realistisch. Aber nur mit dem täglichen Brot ist das schwer zu beweisen. Deshalb denken wir über Kooperationen mit anderen Ländern nach. Konkret mit Ungarn, Serbien, Rumänien oder der Slowakei. Es wäre ein Produkt, wie eine kleine Bundesliga. Doch logistisch ist das schwierig. Da haben es die Balkanländer einfacher. Die kennen die Wege noch aus dem früheren Jugoslawien.

Wie schätzen Sie die neue Bundesligaserie ein?
So wie jedes Jahr. Kiel tanzt wieder auf drei Hochzeiten. Der HSV muss seinen Titel schnell vergessen. Die Löwen stehen unter Druck. Magdeburg hat sich gut entwickelt und dürfte mit seinen Zuschauern eine gute Rolle spielen. Auch Flensburg hat mit seinem kleinen, großen Mann an der Linie Möglichkeiten. Doch durch die Transfers von Kaufmann und Glandorf werden die Erwartungen riesig groß. Ich sehe aber auch die Entwicklung im unteren Bereich: Was Dr. Brack mit knappen Budget in Balingen macht, das bewundere ich. Einen interessanten Eindruck hinterlässt auch Wetzlar mit vielen jungen Leuten. Insgesamt muss die Bundesliga jetzt seine Junioren-Weltmeister präsentieren.

Im Januar kämpft Polen noch mit Deutschland um Olympia...
Die EM ist auch für uns die letzte Chance auf ein Ticket nach London. Wir haben eine sehr ausgeglichene und schwere Gruppe mit Serbien, Slowakei und Dänemark. Die haben wir alle schon geschlagen – haben aber auch gegen sie verloren. Da ist jedes Spiel ein Finale. Die EM wird aus unterschiedlichen Faktoren hoch interessant. Es geht um einen speziellen Preis. Das letzte Olympiaticket wird extrem umkämpft sein.

Wie denken Sie über ihren neuen Bundestrainerkollegen Martin Heuberger?
Ich schätze Martin noch als Spieler in Schutterwald. Er ist die logische Lösung als Nachfolger von Heiner Brand. Keiner kennt die Gruppe besser als er. Spieler wie Glandorf oder Kaufmann haben in ihrem Leben schon länger mit Heuberger zusammen gearbeitet, als mit Heiner Brand. Auch die vielen Erfolge im Nachwuchsbereich sprechen für ihn. Ich denke, Heuberger ist eine gute Wahl.

Vor dem Kampf um das Olympiaticket steht noch ein besonderer Termin an. Am 19. November werden Sie 50 Jahre alt.
Wenn man Handball so emotional interpretiert wie ich, dann kostet das viel Kraft und Energie. Mittlerweile nehme ich schon etwas mehr Distanz und Abstand. Auch bin ich selbstkritischer mir selbst gegenüber geworden. Die Jahre sind schnell vergangen. Inzwischen bin ich leider nicht mehr der Kumpel meiner Spieler. Statt dessen sagen sie schon mal Opa zu mir. Ich betrachte die Welt aus einem anderen Winkel und wünsche mir mehr Gelassenheit. Denn manche Spiele tun weh. Emotionen kommen häufig in Sekunden hoch und hängen einem noch Jahre hinterher. Dass man solche Bilder nicht vergisst, nervt mich einfach.

Gibt es ein spezielles Bild, das Sie gerne löschen möchten?
Da gibt es einige. Sportlich wie auch privat. Doch ich bin ein gläubiger Mensch. Gott hilft mir beim Verarbeiten.

Sie haben ihr Projekt in Kielce auf fünf Jahre bis 2013 angelegt. Wann gibt es eine Rückkehr in die Bundesliga?
Mit der Unterschrift unter einen Vertrag unterschreibe ich gleichzeitig schon meine Entlassung. Zu welchem Zeitpunkt und auf welchem Niveau das passiert, wird sich zeigen. Wir Trainer sind ja wie Aktien. Man steigt bei einem Euro ein und schießt manchmal in die Höhe. Deshalb halte ich es mit James Bond: Sag niemals nie. Ich bin mit meiner Familie nach 24 Jahren nach Polen zurück gegangen, habe ein Haus gebaut. Zudem entwickelt sich der Handball. Doch was passiert, wenn jemand kommt und ein Angebot auf den Tisch legt, weiß ich nicht. Hier und heute aber sage ich: Ich will hundertprozentig in Kielce bleiben.