"Betrogen und belogen" - Trainer Herbert Müller steht in Rumänien vor Ruinen - Handball - Weltspiegel - Artikel - Handballwoche
"Betrogen und belogen"

Trainer Herbert Müller steht in Rumänien vor Ruinen

Es war ein sehr ambitioniertes Projekt - und die Betonung liegt auf war. Innerhalb von vier Jahren wollten die Frauen von Rulmentul Brasov die nationale Dominanz in Rumänien übernehmen und um den Champions-League-Titel mitspielen. Als Trainer wurde der gebürtige Rumäne Herbert Müller verpflichtet, eine Vielzahl von Topspielerinnen wechselte nach Brasov.


Stars verschenkt

Das war vor einem Jahr. Heute liegt das Projekt am Boden - und der frühere Nürnberger Chefcoach ist stinksauer auf Club und speziell Präsident: "Hier wird man nur belogen und betrogen." Hinter seinem Rücken wurden elf Topspielerinnen abgegeben - Müller erfuhr das teilweise erst im Training. "Hätte der Verein wenigstens Ablösesummen bekommen, aber nein, unsere Stars wurden verschenkt."

Viele Spielerinnen sahen monatelang kein Gehalt, ausgerechnet vier Tage vor dem Europapokal-Halbfinal-Rückspiel gegen Estrella (Spanien) wurden vier Spielerinnen die Wohnungen fristlos gekündigt, sie hatten kein Dach mehr über dem Kopf. Der Verein gehört einem Entsorgungs-Unternehmen, der Müller und die Spielerinnen mit gutem Gehalt geködert hatte, zudem wurde Müller freie Hand bei der Umsetzung des Vier-Jahres-Plans gegeben. "Nun stehen wir vor dem Aus. Keiner weiß, wie lange es noch geht."

Das Budget für die laufende Saison wurde radikal gekürzt, der Präsident versprach immerhin, bis Weihnachten alle noch ausstehenden Gehälter zu zahlen. "Wir wissen nicht einmal, ob wir zur Champions-League-Qualifikation im Oktober antreten", sagt Herbert Müller. Seine Mannschaft besteht nur noch aus Nachwuchsspielerinnen, seine frühere Nürnberger Rückraumspielerin Miriam Simakova wechselte noch vor Weihnachten nach Bratislava, das größte rumänische Talent Christina Neagu ging zum Rivalen Valcea, Carmen Amariei nach Kopenhagen und so weiter.


Korruption und Bestechung

Kam Herbert Müller von den mehrfach insolventen Nürnbergern also vom Regen in die Traufe? "Nein", betont Müller, "in Nürnberg wurde immer ehrlich miteinander umgegangen, in Brasov ist das Gegenteil der Fall." Zudem ist der Trainer entsetzt über die tägliche Korruption und Bestechung im rumänischen Handball: "Sogar bei einer Live-Übertragung im Fernsehen hörte man einen Trainer, der sagte, dass sein Club die Schiedsrichter besser geschmiert hätte als der Gegner. Und dann soll ausgerechnet der frühere Nationaltrainer Gheorghe Tadici neuer Verbandspräsident werden - und den Sumpf trockenlegen. Das wäre, wie wenn ein Mafiosi plötzlich Polizeipräsident wird."


Müllers Plan B

Müller, der mit seinem Bruder Helfried das Team coacht, hat noch keinen Plan B, wenn es in Brasov zu Ende gehen sollte. "Wir sind die Kapitäne, und daher bleiben wir bis zum bitteren Ende an Bord. Aber ich befürchte, das Ende ist nicht mehr so weit entfernt."

Weil auch er phasenweise kein Gehalt erhielt, war der Ex-Nürnberger froh, dass er gleichzeitig Nationaltrainer der österreichischen Frauen ist. "Das war meine Oase, da bekam ich Wasser und etwas zu essen. Ohne den ÖHB hätte ich das letzte Jahr finanziell nicht überlebt."

Überraschend qualifizierte sich Österreich in den Qualifikationsspielen gegen Mazedonien für die WM in China. Auch dank Stefanie Supke (früher Ofenböck), die nach der Geburt ihres zweiten Kindes höchstwahrscheinlich die einzige vereinslose WM-Teilnehmerin ist.

Auch wegen ihr ist der Kontakt Müllers nach Nürnberg nicht abgerissen. "Ich habe im Hintergrund versucht, beim Neuaufbau behilflich zu sein - und dann war ich total entsetzt, als sie Insolvenz anmelden mussten." Die Schuldigen sind für Herbert Müller die alten Vorstände: "Sie hätten wissen müssen, was droht. Was sie am Ende fabrizierten, war am Rande der Unfähigkeit."