Ein berauschter THW Kiel, eine besorgte SG Flensburg-Handewitt

Es war das pure Glück, das die Handballer des THW Kiel am Sonntag empfanden. Der 33:23 (18:14)-Sieg im 105. Landesderby gegen die SG Flensburg-Handewitt – beeindruckend. Die Atmosphäre in der mit 9000 maskierten Zuschauern gefüllten Ostseehalle – berauschend. Die Kieler Abwehr mit Torwart Niklas Landin im Rücken – beängstigend.

„Dafür arbeiten wir das ganze Jahr. Es war unglaublich, ich bin sehr glücklich“, jubelte Sander Sagosen, mit sieben Toren bester THW-Werfer in einem am Ende einseitigen Bundesliga-Topspiel. „Am meisten freue ich mich über die Derby-Stimmung. Das hat uns allen gefehlt“, sagte Trainer Filip Jicha.

 

Flensburg geht die Kraft raus

Ganz anders war die Gefühlslage bei der SG – besiegt, betrübt, besorgt. Mit ihrem Rumpf-Rückraum konnte die Mannschaft von Maik Machulla das Nordduell nur zu Beginn der beiden Halbzeiten offen gestalten. „Insgesamt war es in allen Bereichen zu wenig“, meinte Johannes Golla, der selbst einen gebrauchten Tag erwischt hatte. SG-Keeper Kevin Möller sagte:

 

Während Jicha im Rückraum munter wechseln und etwa Sagosen immer wieder Pausen geben konnte, mussten sich bei der SG Jim Gottfridsson, Mads Mensah und Derby-Debütant Aaron Mensing durchbeißen. Nur phasenweise schickte Machulla Youngster Oscar von Oettingen ins Getümmel. Der 18 Jahre alte Linkshänder machte mit zwei Treffern auf sich aufmerksam. Die Protagonisten beim 63. Kieler Derby-Sieg, der in der Bundesliga-Tabelle bereits drei Punkte zwischen den Deutschen Meister und den Vizemeister brachte, waren jedoch andere.

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Starke THW-Abwehr, starker Landin

Niklas Landin (13/1 Paraden, acht nach der Pause) zog den Flensburgern in der zweiten Halbzeit den Zahn. „Da war er der Torwart, den man im Derby braucht“, sagte Hendrik Pekeler. Gemeinsam mit Patrick Wiencek formte der 30-Jährige ein Bollwerk im Kieler Abwehrzentrum, an dem die SG oft abprallte und das viele Ballgewinne generierte. Sagosen und Harald Reinkind erzielten die einfachen Tore – viele davon waren für Machulla zu einfach: „Wir müssen viel aggressiver und leidenschaftlicher verteidigen. Der THW darf es nicht so leicht haben“, forderte der SG-Coach.

 

Der für den glücklosen Benjamin Buric eingewechselte Möller (elf Paraden) sorgte dafür, dass die SG trotz aller Probleme bis zur 37. Minute an eine Überraschung – nichts anderes wäre ein Flensburger Erfolg unter diesen Bedingungen gewesen – glauben durfte. Lasse Svan hatte in seinem letzten Bundesliga-Derby in der Ostseehalle auf 17:20 verkürzt, Anton Lindskog konnte nach einem zwischenzeitlichen 11:17-Rückstand (27.) auf 18:20 stellen. Doch der Schwede blieb an Landin hängen.

 

Kiel zündet den Turbo

Was folgte, war eine Demonstration Kieler Wucht und Gnadenlosigkeit. Sieben Minuten nach der verpassten Lindskog-Chance stand es 26:17 – die mit Klatschpappen bewaffneten Zuschauer hatte es längst aus ihren blauen Sitzschalen gerissen. Der THW nutzte jeden Fehler der SG eiskalt aus, ein Konter nach dem anderen prasselte auf die Gäste ein, deren Angriffen auch der kraftlos wirkende Jim Gottfridsson keine Struktur mehr verleihen konnte.

„Dass darf niemals so schnell gehen, egal gegen welchen Gegner“, ärgerte sich Möller. „Wir konnten viel wechseln, Flensburg wurde müde“, beobachtete Reinkind. Pekeler äußerte fast schon Mitleid mit den Flensburgern:

 

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Reagiert die SG noch einmal?

Während die Kieler ihren Status als Titelkandidat Nummer eins untermauerten, blickt die SG mit tiefen Sorgenfalten auf die kommenden Wochen. Franz Semper machte sich zwar bereits mit der Mannschaft warm und wird demnächst zurückerwartet, doch Magnus Röd (Anriss der Patellasahne) und Göran Sögard (Leiste) fehlen noch mehrere Wochen. Ob Sögard überhaupt vor November zurückkehren kann, ist völlig unklar.

„Wir laden ganz viel Verantwortung auf zu wenige Schultern“, sagte Machulla. Er sehe sein Team unter den aktuellen Voraussetzungen „nicht auf Augenhöhe mit dem THW, Magdeburg oder Berlin“. Das Dilemma, so Machulla: „Wir müssen erfolgreich sein, ohne unsere Spieler kaputtzumachen.“ Die SG, deren 15er-Kader (ohne Youngster) schon vor Saisonbeginn durch Verletzungen auf zwölf Spieler reduziert worden war, denkt darüber nach, noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv zu werden. „Wir schauen uns um“, bestätigte Geschäftsführer Dierk Schmäschke. „Das muss aber auch Sinn ergeben. Bisher haben wir niemanden gefunden, der uns auch helfen kann“, schränkte Machulla ein.

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